Mit Spürsinn reisen

Mit dem Bulli durch's Land der Bären und Wölfe

Rückblick

Das Feuer brennt weiter

Angekommen in Frankfurt war es nicht mein Freund Achim, der mich, wie abgesprochen, sechseinhalb Stunden nach meinem Start in Halifax in Empfang nahm, sondern Katja samt Familie. Die Überraschung war ihnen gelungen. Zuhause wurde mir ein Empfang bereitet, der alle Befürchtungen und die Angst in ein leeres Haus zurückzukehren hinwegfegte. Meine Schwestern standen in der Haustüre, Achim und Karin warteten mit (oder war es eher auf) Sekt auf mich, Kleine Willkommensgeschenke aus der Nachbarschaft, zeigten mir, dass mein Haus nicht leer ist. Noch lange saßen wir beieinander und sie alle ließen mich die Traurigkeit vergessen, die ein Abschied von Freunden auf unbekannte Zeit mit sich bringt.

Sollte ich ein Fazit aus dieser Reise ziehen, so ist es ein sehr buntes. Nie ist mir die Größe eines Landes so bewusst geworden wie auf diesem Roadtripp. Immer wieder schätzte ich Entfernungen falsch ein, plante das eine Mal zu viel, das andere Mal zu wenig Zeit ein. Sowohl in Kanada, besonders aber zuhause stellte man mir immer wieder die Frage, wo es mir denn nun am besten gefallen hätte. Eine Antwort darauf kann ich nicht geben. Zu vielseitig und zu unterschiedlich war das, was ich sah und erlebte. Da war die Einsamkeit des Yukon, die Weite Manitobas und Saskatchewans, die phantastische Bergwelt der Rockies, die Schönheit British Columbias und jede dieser Regionen bringt ihre eigenen Menschen hervor. Manchmal schrullig, durch das harte Leben als Goldgräber und Trapper geprägt oder urban modern, wie in den südlichen Provinzen mit den großen Städten.

Überall aber durfte ich die grenzenlose Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit erfahren mit der das Reisen für mich zu einem Kinderspiel wurde. Vom ersten Tag an, noch bevor ich den Boden von Halifax betrat, hatte ich die ersten Menschen kennengelernt, die mir seither gute und liebe Freunde sind. Kaum angekommen wurde ich von Ihnen mit einem fulmiinanten Geburtstagsessen überrascht. Nur wenige Tage später schloss ich eine weitere Freundschaft mit Stephan und Tanja, deutschen Auswanderern. Auf meinem Weg traf ich auf Reisende denen ich immer wieder einmal zufällig begegnete um mich später ganz gezielt mit ihnen zu verabreden und ein Stück gemeinsam zu reisen. Nie sagten wir „Leb wohl“ sondern immer sagten wir „Auf Wiedersehen“ und „travel save“.

Manchmal war es nicht leicht allein zu reisen. Oft vermisste ich einen vertrauten Menschen an meiner Seite, vermisste meine geliebte Frau Brigitte, denn schließlich planten wir es einst, diese Reise gemeinsam anzutreten. Es gab Orte, wo mich die Erinnerung auf deprimierende Art und Weise überwältigte und andere, die mir das Herz vor Glück Purzelbäume schlagen ließen. Allein zu reisen heißt auch in sich einen guten Freund zu haben mit dem man sich in fiktiven Zwiegesprächen auseinandersetzt. Allein zu reisen bringt es aber auch beinahe zwangsweise für mich mit sich, sich zu öffnen, der Einsamkeit zu entfliehen indem ich auf andere zugehe, mich für sie interessiere und Anteil nehme.

Die Frage „Hast du dies gesehen?“ oder „Hast du das gemacht“ muss ich oft mit nein beantworten. Ein halbes Jahr reicht nicht aus um alles zu sehen, alles zu tun was möglich ist. Ich habe kein Polarlicht gesehen, beziehungsweise habe ich es das einzige Mal an dem es möglich gewesen wäre verschlafen. Ich konnte nicht so viel und so weit wandern wie ich es gern getan hätte. Vielleicht war ich im Bärenland zu vorsichtig, zu ängstlich aber gewiss nicht zu bequem. Mein Kanu hatte nicht so viel Wasser gesehen, wie ich es ursprünglich plante und so kann ich die Aufzählung fortsetzen. Und doch habe ich unendlich viel gesehen, im Sinne des Wortes erfahren und erlebt. Das ist weit mehr als das, was ich versäumt habe.

Jede meiner Reisen bringt für mich eine Veränderung. Neue Blickwinkel erschaffen neue Perspektiven. Neue Erfahrungen führen zu neuen Verknüpfungen mit den bereits gewonnenen. Mein Bild des Lebens wird bunter, größer und intensiver und immer wieder zeigt sich, dass es besonders die Menschen sind, die darüber entscheiden, ob ich mich dort, wo ich bin wohlfühle, angeregt und neugierig. Auf dieser Reise habe ich alle Voraussetzungen gefunden, die nicht ein einziges Mal den Gedanken in mir aufkeimen ließen Nachhause zu wollen. Dies Land, seine Natur, seine Menschen und der Himmel mit seinen Sternen der sich über alles spannt, haben mich reich gemacht. So gesehen bin ich sogar glücklich darüber noch nicht alles gesehen zu haben. So bleibt mir die Neugier und die Sehnsucht, so bleibt mir der Satz „das nächste Mal“

14. Oktober 2022

Ein langer Abschied

Es ist Sonntag der 15. Oktober 2022. Jill möchte mir ihre Eierproduktion zeigen. Der Weg zu der Hühnerfarm ist nicht weit, nur etwa zweihundert Meter von ihrem Haus entfernt befindet sich eine große Halle. Eigentlich sind es zwei Hallen, die miteinander verbunden sind. Als erstes müssen die Schuhe in ein Paar gewechselt werden, die ausschließlich hier in den Hallen getragen werden. Über unsere Kleidung ziehen wir einen weißen Overall. Ich komme mir vor wie ein Kommissar bei der Mordkommission. Letzter Akt der Vorbereitung ist, dass wir die Schuhsohlen noch einmal in einem Becken mit einer rötlichen Flüssigkeit desinfizieren. Dann ist es so weit und wir betreten einen Raum, in dem über einem langen Band die Eier herauslaufen. Sie werden visuell von Jills Cousin kontrolliert, durchleuchtet um verdorbene Eier heraus zu sortieren und werden dann automatisch in Eierkartons gesetzt. Von hier aus gelangen sie anschließend zum Abtransport ins Lager. Wir gehen weiter in den eigentlichen Stall. Der Gestank nach Hühnermist und das Gegackere der Tiere ist gewöhnungsbedürftig. Fünfzehn bis zwanzig Hühner sind hier in kleinen Käfigen auf Rosten untergebracht. Ein Bereich des Käfigs gilt als Ruhebereich. Die Eier fallen durch den Rost auf die Förderanlage, der Mist wird über ein Förderband regelmäßig entsorgt, und getrocknet. Ich habe die mehrstöckigen Reihen nicht gezählt, aber Jill sagte mir, dass hier etwa zwanzigtausend Hühner leben, in der Halle neban seien es ein paar weniger. Alle fünfzehn Monate werden die Käfige mit neuen Hühnern besetzt, die alten Tiere werden getötet und weiterverarbeitet, meistens zu Hühnerfutter. Temperatur, Belüftung, Futter und Licht werden automatisch und computerüberwacht geregelt. Jede Unregelmäßigkeit wird direkt alarmiert und auf ihr Handy gemeldet. Ob sie Probleme mit Tierschutzaktivisten habe frage ich Jill. Nicht direkt und bisher auch nicht auf ihrer Farm. Dennoch hat sie die Ställe mit umfangreicher Überwachungs- und Alarmtechnik ausgestattet, denn auch in Kanada sind Tierschutzaktivisten nicht untätig.

Da ich die Wahl habe, werde ich auch weiterhin meine Eier direkt vom Bauern oder aus der Bodenhaltung kaufen, auch wenn ich der Meinung bin dass das Glück der Hühner keinen Einfluss hat auf den Geschmack der Eier, der wohl eher von ihrem Futter abhängt. Zugegebenermaßen ist das Futterangebot „glücklicher“ Hühner sicher abwechslungsreicher.

Nach der Besichtigung fahre ich in die Stadt. Ich habe mir für diese Nacht ein Hotel in Hafennähe genommen um den FidiBus am nächsten Tag rechtzeitig im Hafen abzuliefern. Pünktlich um acht treffe ich am nächsten Tag ein. Ein weiterer Reisender durfte ausnahmsweise erst heute sein Auto abliefern und so warten wir gemeinsam auf die Mitarbeiterin der Spedition. Ich zahle die Speditionsgebühr von einhundertfünfzig Dollar und erhalte dafür die Transportpapiere. Damit ist der Weg frei auf das Hafengelände.

Fertig für die große Reise

Eine Stunde später stehe ich mit kleinem Reisegepäck an der Bushaltestelle. Es fühlt sich für mich so an, als hätte mich soeben von einem geliebten Partner verabschiedet und ich wünsche dem FidiBus eine glückliche Reise. In einer Woche sehen wir uns in Hamburg wieder – so glaubte ich bis dahin.

Die nächsten sieben Tage bis zum Abflug habe ich mir eine Unterkunft über AirBnB gesucht. Sie liegt ziemlich außerhalb im Südwesten von Halifax. Mit dem Bus fahre ich fast eine Stunde bis zu meiner neuen Herberge und auch nach Dawntown sind es von dort aus fünfundvierzig Minuten mit dem Bus. Dafür ist die Bushaltestelle beinahe direkt vor der Türe. Der Bus ist ohnehin das beste Verkehrsmittel in Halifax. Busse fahren in einem dichten Takt, sind billig und für Rentner Dienstags frei.

Meine Herberge in Halifax

Meine neue Unterkunft ist exakt wie beschrieben. Durch die Haustüre betrete ich einen winzigen Flur. Wie gewünscht trete ich in den Hausflur, schließe die Tür bevor ich die Tür zum Wohnzimmer öffne. Meine Gastgeber wünschten, dass ich darauf acht gebe die Katze nicht nach draußen zu lassen, aber ich kann weit und breit keine Katze entdecken. Ich gehe durch das Wohnzimmer, vorbei an der Küche und dem gemeinsam mit den Gastgebern genutzten Bad und gelange zu der Treppe in den Ersten Stock, wo sich auf der linken Seite mein Zimmer befindet. Ich öffne die Zimmertüre und stelle mein Gepäck ab. Vor mir sehe ich einen Schreibtisch auf dem offensichtlich gebrauchte Handtücher herumlagen, ein Bett mit dem Bettzeug zu einem Haufen zusammengerafft, und der Papierkorb ist noch voll. Irgendetwas ist faul. Erst jetzt bemerke ich, dass ich nicht nach links, sondern nach rechts abgebogen bin. Ich schnappe mir mein Gepäck öffne die gegenüberliegende Türe und Tataaa! Alles ist sauber und aufgeräumt. Durch das Fenster sehe ich in die Gärten der Nachbarhäuser, das Bett ist bequem, ein Kühlschrank brummt vor sich hin und der Schreibtisch ist aufgeräumt. Im ersten Moment scheint mir das Zimmer recht kalt und ob die dünne Decke warm genug ist bezweifle ich. Später konnte ich diese Zweifel ausräumen. Nachdem ich mich in dem Zimmer eingerichtet hatte mache ich mich auf den Weg zum Bus und in die Stadt. Für die nächsten Tage ist dies mein täglicher Weg. Das Wetter ist sonnig und so laufe ich entlang der Waterfront, beobachte die ein-und auslaufenden Schiffe und genieße das spätsommerliche Treiben. Mein Handy schreckt mich aus meinen Träumen. Eine Nachricht von Seabridge trifft ein, die mir mitteilen, dass sie mich auf ein späteres Schiff gebucht haben, da ich mein Auto noch nicht im Hafen abgeliefert habe. Herrje, was ist schief gegangen. In Deutschland ist es kurz nach fünf. Ich muss das sofort klären und rufe bei Seabridge an. Dies sei wohl ein Versäumnis der Spedition in Halifax, man klärt das. Eine viertel Stunde später bekomme ich die Nachricht, dass es sich um einen Irrtum handelte, die alte Buchung sei wieder in Kraft.

Am Nachmittag treffe mich mit Stephan und Tanja vor dem Cruisship-Terminal. Wir ziehen gemeinsam um die Häuser, trinken einen Kaffee und gönnen uns eine Zimtschnecke und ehe wir uns versehen ist es Abend und kalt. Ich lade die Beiden ins Baton Rouge ein, ein Grillrestaurant, das ich noch von meinem ersten Besuch mit Jill und Wayne im Kopf habe. Tanja erzählte von ihrer neuen Arbeit, die sie seit diesem Monat hat. Es ist der gleiche Arbeitgeber, dem sie sechs Monate zuvor gekündigt hatte und wo sie als Assistentin der Geschäftsleitung nun im Homeoffice da anfängt, wo sie zuvor aufgehört hatte.

Dienstag: Wieder scheint die Sonne und ich mache mich auf den Weg in die Stadt. Eigentlich könnte ich mit der Fähre auf die andere Seite nach Dartmouth schippern und von dort nach Fishermans Cove laufen, das sind etwas mehr als zehn Kilometer. Gesagt getan. Immer am Ufer der Bucht entlang bietet sich mir ein tolles Bild der Stadt. Ich sehe den Hafen, die Brücken und auf dem Atlantik vor der Bucht – mein Schiff, die Atlantik Sea, die eigentlich heute mit meinem FidiBus den Hafen verlassen sollte.

Die Atlantic Sea in der Bucht vor Halifax

Noch drei Tage sollte sie dort draußen liegen. Zurück nehme ich dann doch den Bus und die Fähre. Das ist bequemer und obendrein heute kostenlos.

Mittwoch: Ich mache meinen täglichen Stadtrundgang. Probiere mich darin, auf einem Sagway die Waterfront entlangzufahren, was einen irren Spaß macht und… ich bin nicht gestürtzt!

Später am Abend holen Tanja und Stephan mich erneut am ab um mit mir in der Nähe der Waterfront bei einem Italiener essen zu gehen und wieder verging die Zeit wie im Flug. Es gibt so viel zu erzählen. Natürlich interessiert es mich, wie man als Migrant in Kanada lebt, was die Gründe waren um Deutschland endgültig den Rücken zuzuwenden und ein völlig neues Leben zu beginnen. Es gibt mir viel zu denken, als ich mich später am Abend in mein Bett lege und noch einmal den Tag und Tanjas und Stephans Geschichte an mir Revue passieren lasse.

Donnerstag: In einer Nebenstraße entdecke ich eine französische Bäckerei und ein einen französischen Metzger. Natürlich kaufe ich mir ein Baguette, etwas Käse und Schinken, genug damit es heute für ein Vesper an der Uferpromenade, für das Abendessen und das morgige Frühstück reicht. Ich laufe bis mir am Abend die Füße weh tun.

Halifax von Dartmouth gesehen
Macdonald Brücke , Halifax

Freitag: Heute werde ich eine Stadtrundfahrt per Bus machen. Mit mehreren Linien durchkreuze ich die Stadt von Ost nach West, von Nord nach Süd und dann beschließe ich noch einmal hinüber zu fahren nach Fishermans Cove. Ein nettes Fischrestaurant lockt mich dort mit einer köstlichen Fischplatte. Vom Panoramafenster des Lokals aus sehe ich, dass die Atlantic Sea nicht mehr in der Bucht liegt. Die Abfahrt ist für heute Abend geplant. Endlich!

Fischermans Cove
Fishermans Cove

Nach dem Abendessen mag ich noch nicht gleich in mein Zimmer zurückkehren. Wartet da nicht noch ein Besuch im Oxfort Tap Room auf mich? Ich hatte es versprochen noch einmal zurückzukehren bevor ich abreise. Mit dem Bus fahre ich also zur Oxford Street Ecke Quinpool Road öffne die Türe zum Tap Room da steht fast die gesamte Crew hinter der Theke, als hätten sie bloß auf mich gewartet. Und tatsächlich, sie erkennen mich wieder, ich werde mit Namen begrüßt und ich musste erzählen, was ich auf meiner Reise erlebt habe. Ich werde der neuen Bedienung vorgestellt. Das allgemeine Thekengespräch ist mein FidiBus und wie ich ihn nach Canada einschiffte, was Benzin seit dem Ukrainekrieg in Deutschland kostet und ob wir Angst vor einem Atomkrieg haben. Einige Dunkel Biere später und mit dem Gefühl vor Glück zu schweben wird es Zeit den Bus zurück zu nehmen. Der letzte Abend in Halifax.

Und dann ist er da, der Samstag der zweiundzwanzigste Oktober. Unwiderruflich mein letzter Tag in Kanada. Mein Rucksack und die Reisetasche stehen gepackt im Zimmer und pünktlich um halb zehn stehen Jill und Wayne vor meiner Haustüre. Wayne möchte mir noch einen Teil der Stadt und des Umlandes zeigen, das ich noch nicht kenne. Immer am Wasser entlang passieren wir prächtige Siedlungen, schöne Parks und hin und wieder biegt Wayne ab und zeigt mir und Jill wohin er seinen Betonmischer lenkte. Hier hatte er eine Platte gegossen, dort eine Garagenzufahrt und an einer anderen Stelle lud er seine Fracht ab um den Treppenaufgang zu einer Villa zu gießen. Es ist eine Freude zu sehen, mit welchem Stolz ihn diese Arbeit erfüllt. Er erzählt mir von den Problemen, die beim Transport von Beton entstehen können, von der, im wahrsten Sinne des Wortes, harten Arbeit, wenn wiedereinmal der Truck nicht rechtzeitig entladen werden konnte. Wir erreichen unser Ziel in Coal Harbour, einem Restaurant in das mich die Beiden zum Brunch eingeladen haben. Es ist reichlich. Toast Eier, gebackener Schinken und Kaffee bis zum Abwinken. Jill fragt die Bedienung, ob sie wisse woher die Eier kämen. Etwas verlegen zog die junge Frau die Schultern hoch und nannte in ahnungslos zweifelndem Ton den Namen eines Großhandels. Falsch! Natürlich waren sie von Jills Eierfarm. Ich muss dann noch einmal nachhaken und fragte sie, ob sie denn auch wisse woher der Schinken stamme. Fast verzweifelt schaute sie nun mich an, sich fragend ob dieses mal ich der Lieferant sein könne; doch ich kläre die Sache rasch auf indem ich ihr erkläre dass ich das auch nicht weiß. Mit roten Wangen und sichtbar verlegen verabschiedete sie sich. Jill und Wayne haben noch einen Fototermin mit Waynes Familie und so liefern sie mich bei Ainslie und Sharon ab. Nach dem obligatorischen Drink laden sie mich ein, mit ihnen eine Spritztour zu unternehmen. Sie wollen mir noch etwas zeigen. Also steige ich in ihr Auto und wir fahren nach Westen, vorbei an Seen durch Wälder, ich sehe den Atlantik und dann biegen vom Highway ab und gelangen an einen weiteren Seen den Gaetz See. Hier steht ihr Sommerhaus. Der Hurrikan hat auf dem Grundstück seine Spuren hinterlassen. Bäume sind umgestürzt, der Bootssteg ist kaputt aber das Haus selbst ist verschont geblieben. Ob dies nicht ein schöner Platz sei, mir hier ein Haus zu kaufen oder zu bauen fragt Ainslie mich und er zeigt mir ein Haus, dass etwa einen Kilometer am Ufer des Sees liegt. Dieses Haus könne ich kaufen. Besser wäre es jedoch es abzureißen und ein neues Haus zu bauen. Grund und Boden gehören der Familie und auch die Insel, die im See liegt ist Familieneigentum. Das Haus welches dort zu sehen ist, gehört einem Freund. Es ist ein Traum und wieder zweifele ich ob ich es mir nicht doch überlegen sollte, wenigstens im Sommer hier in Kanada zu wohnen.

Vielleicht sollte ich den Gedanken nicht ganz aufgeben. Zunächst einmal biete ich Ainsley und Sharon an, ihr Haus und das Grundstück von den Sturmschäden zu befreien, sollte ich mich entschließen im nächsten Jahr wiederzukommen. Eine Idee, die bei den beiden auf offene Ohren stößt. Wohnen könne ich ja in der Zeit in ihrer Cabin. Herrjeh, ich sehe mich bereits mit einem Glas Rotwein und einem Buch im Schaukelstuhl auf der Veranda sitzen und zusehen, wie die Sonne am gegenüberliegenden Ufer hinter dem Horizont versinkt. Am Bootssteg dümpelt mein Kanu und Eichhörnchen huschen über die Äste. Wahrscheinlich ist das nur ein Traum, aber es ist ein schöner Traum.

Wayne holt mich halb sieben bei Sharon und Ainslie ab und bringt mich zum Flughafen. Es fühlt sich unwirklich an. Ich gebe meinen Rucksack ab, erledige die Check-In Formalitäten und dann stehe ich da und warte auf das Boarding. Ist es wirklich zu Ende? Zweieinhalb Jahre Warten, zweieinhalb Jahre hoffen, dass Covid nicht erneut zuschlägt, zweieinhalb Jahre fiebern, den Fuß endlich auf kanadischen Boden setzen zu dürfen. Ab heute beginnt das Erinnern. Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn hebe ich ab in die Nacht.

Unter Freu(n)den

Auf meinem Weg nach Halifax ahne ich, was der Hurrikan Fiona angerichtet hat. Überall liegen Bäume, große Waldflächen wurden dem Erdboden gleich gemacht. Vereinzelt sehe ich zerstörte Homemobiles und mobile homes zwischen den Baumruinen. Strom und Telefonkabel liegen auf dem Boden, Dächer wurden notdürftig mit Planen abgedeckt. Was ich sehe ist nur ein Bruchteil dessen, was sich auf Prince Edward Island oder an den Küsten von Neufundland abgespielt hat. Ich bin nicht mehr enttäuscht davon Prince Edward Island nicht besucht zu haben. Der Anblick von Katastrophen ist ungeeignet als touristisches Ereignis herzuhalten und mit der Katastrophe im Aartal habe ich genug Leid gesehen und solange ich nicht helfen kann wäre ich fehl am Platze.

Mich streng daran haltend, das Speed Limit nicht zu unterschreiten, fahre ich bei Truro auf den Highway #102. Noch einmal möchte ich den Atlantik sehen, einen weiteren Kreis bei Peggys Cove schließen.

Auf dem Weg nach Peggy’s Cove
Hafen von West Dover

Wie vor sechs Monaten versprochen rufe ich Stefan und Tanja an um ihnen mitzuteilen, dass ich gegen drei Uhr am Nachmittag in Peggys Cove sein werde. Sie lassen es offen, ob sie kommen können, da sie noch unterwegs sind und nicht wissen, wann sie zurück kommen. Schon vor einigen Tagen kündigte ich meine Ankunft bei Jill und Wayne an, die mich am Abend erwarten. Zwischenzeitlich bekam ich die Nachricht, dass ich meinen FidiBus nun doch erst am Montag um 8 Uhr zum Hafen bringen muss, nachdem man mir zuvor schrieb, FidiBus müsse gewaschen und gepackt bereits bis Freitag Abend im Hafen abgeliefert werden. Zur Not könne ich die Wäsche und das Packen noch im Hafen erledigen. Ich bin froh diese Zeit gewonnen zu haben. Jill hat mir angeboten ihre große Garage und Werkstatt zu nutzen um den Bus gründlich zu reinigen und sorgfältig zu packen.

Nordatlantik bei Peggy’s Cove
Peggy’s Cove

Dieses mal fahre ich auf der 333 in südwestlicher Richtung wo tief ins Land hineireichende Ausläufer des Atlantiks eine pittoreske Landschaft aus Inseln, Fels- und Waldküste bilden. Malerisch zeigt sich das kleine Fischerdorf West Dover mit seinen bunten Häusern, dem Hafen und dem Geruch nach Fisch, Tang und Meer. Pünktlich um drei Uhr stehe ich auf dem großen Parkplatz von Peggy’s Cove. Es ist noch warm, die Sonne scheint und ich drehe eine Runde durch das Dorf. Heute sehe ich ein gänzlich anderes Peggy’s Cove. Durch das vor sechs Monaten noch beinahe menschenleere Dorf schieben sich nun Scharen von Touristen, herbeigekarrt von Bussen, die sie direkt von den Kreuzfahrtschiffen an die Touristenattraktionen transportieren, wo sie dann den vorbestellten Kaffee und Kuchen verzehren, die obligatorischen Fotos und Selfies mit der stets gleichen Geste der zu einem „V“ gespreizten Finger den Nachweis liefern dagewesen zu sein.

Nach einem weiteren Telefonat mit Stephan und der Gewissheit, dass wir unser Treffen auf einen Zeitpunkt nach Abgabe meines FidiBus verschieben, verlasse ich diesen Ort und bin froh ihn in seiner friedlichen Ruhe erlebt zu haben, im Sturm und im dichten Nebel. Ich denke, kein Sturm kann an solch einem Ort so desillusionierend sein, wie der Ansturm von Menschenmassen.

Die Wiedersehensfreude bei Jill und Wayne ist überwältigend. Wie verabredet treffe ich am Abend um sechs Uhr an ihrem Haus ein. Aber erst möchte ich zur Begrüßung noch einen Whisky für Wayne kaufen. Jill ist keine Freundin alkoholischer Getränke, für sie werde ich mir etwas anderes ausdenken. Traf ich zuvor in jedem noch so kleinen Kuhdorf einen Liquer Shop, so fand ich auf dem Weg von Halifax nach Coal Harbour nicht einen einzigen. Erst nach mehrfacher Nachfrage in Tankstellen und Supermärkten wurde mir einer genannt, der nicht allzu weit vom Weg entfernt war. Trotz der langen Suche schaffe ich es dennoch zur angekündigten Zeit vor dem Haus meiner Freunde vorzufahren. Zunächst treffe ich nur Jill und wir fallen uns in die Arme wie alte Freunde, die sich seit Jahren zum ersten Mal wiedersehen. Es fühlt sich ein wenig so an wie eine Heimkehr. So vertraut, so herzlich und so selbstverständlich. Alles auf der Basis eines einzigen Gesprächs im Flugzeug von Toronto nach Halifax. Wir wollten ursprünglich Essen gehen. Ich hatte es versprochen und freue mich darauf. Wayne hat jedoch noch zu arbeiten und kann nicht vor sieben Uhr zuhause sein. Jills Vorschlag, beim Thailänder Essen zu holen und zuhause zu essen, erscheint mir unter diesen Umständen die beste Option. Dann können wir essen, wenn Wayne seinen Betonlastwagen geleert und gereinigt hatte. Meine Einladung zum Resstaurantbesuch verschiebe ich auf den nächsten Tag und bitte Jill auch ihre Eltern einzubeziehen. Kurz nach sieben kommt auch Wayne von der Arbeit und Wayne lässt es sich nicht nehmen den Whisky zu entkorken und auf das Wiedersehen anzustoßen. Wir tun das bis nur noch die obligatorischen zwei Finger hoch in der Flasche zurückbleiben. Später schauen auch Ainslie und Sharon, Jills Stiefvater und ihre Mutter vorbei um mich zu begrüßen und selbstverständlich möchte ich sie auch morgen dabei haben, wenn wir alle in einem netten Lokal zu Abend essen werden. Da Wayne und Jill im Haus gerade am Umbauen und Umräumen sind, erscheint es mir am einfachsten in meinem Bus zu übernachten, so gibt es nach dem letzten Mal eben noch ein letztes Mal.

Am nächsten Tag ist großes Saubermachen angesagt. Als erstes wird einmal das gesamte Gepäck ausgeräumt, die Kisten die auf meinem Dach standen mussten von einer dicken Schicht Staub und einer ebenso dicken Schicht Insekten befreit werden. Der Innenraum wurde von mir sauber ausgefegt und dann wurde das gesamte Gepäck wieder seefest verstaut und verzurrt. Doch zuvor schaute ich noch einmal nach der reparierten Bremse. Sie war noch immer in gutem Zustand und saß fest im Bremssattelhalter. Die Beläge sind ebenfalls in einem akzeptablen Zustand und so sind auch später in Deutschland keine Probleme zu erwarten. Manches Provisorium hält eben ein Leben lang. Nun geht es an die Reinigung des Außenkleides und an dieser Stelle übernahm Wayne die Führung. Zwei Stunden später steht ein neuer FidiBus vor mir. Er glänzte rundherum und selbst die Türfalze und all die verdeckten Bereiche sind vom Schmutz befreit. Völlig verliebt in meinen glänzenden FidiBus kann ich meinen Blick gar nicht mehr von ihm abwenden.

Am Abend steigen wir Jills Auto und fahren in ein Lokal in Coal Harbour, das uns für diesen Anlass am ehesten geeignet schien. Es ist ein schöner Abend. Es gibt so viel zu erzählen, nicht nur von meiner Reise. Auch Ainsley und Sharon erinnerten sich an ihre Reisen mit Rucksack und wenig Geld durch Europa und dann beschließen sie spätestens in zwei Jahren gemeinsam nach Paris und Michelstadt zu reisen. Gemeinsam heiß auch, dass sie es toll fänden, wenn ich sie als Reiseführer auf Ihrer Tour begleiten könnte. Ich denke, das ist eine schöne Idee. Nach dem Esse fahren wir Nachhause, nehmen noch einen Drink und gehen dann ins Bett. Das Wayne mich am Samstag zum Flughafen bringt gilt als ausgemachte Sache, doch am Samstag Vormittag möchten sie mit mir noch einmal mit mir zum Brunch gehen und mich danach an Aynslie und Sharon übergeben, die ebenfalls noch einen letzten Programmpunkt für mich vorgesehen haben. Heute werde ich im Haus schlafen da mein FidiBus bis unter das Dach bepackt ist. Wieder geht einer dieser Tage zuende, der es mir nicht leichter machen wird in den Flieger nach Frankfurt zu steigen. Doch noch bleiben mir bis dahin noch ein paar Tage. Gute Nacht!

Die letzte Nacht im FidiBus

Von den französischen T3 – Besitzern erfahre ich, dass die Fähre um halb zehn ablegen soll. Es bleibt mir somit noch genügend Zeit um noch einmal am Ufer des Flusses entlangzugehen.

Warten auf die Fähre

Das ist also der große Fluß, der in der Entdeckungsgeschichte des neuen Kontinents, der Erforschung der Polarregionen und der Entwicklung neuer Handelswege eine so große Rolle spielte. Auf dem Eisberge einst bis über Quebec hinaus nach Südwesten drifteten und auf den ich nun mit großer Ehrfurcht blicke. Es erfasst mich einmal mehr ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich habe ihn gesehen, habe ihn gerochen und nun überquere ihn zum zweiten Mal mit dem Schiff. Wir durchfahren ein Schutzgebiet für Meeressäuger und so lege ich mir Fernglas und Teleobjektiv in Reichweite. Doch ich sollte heute keinen Wal zu Gesicht bekommen. Es ist schade, aber ich bin nicht enttäuscht. Ich durfte auf meiner Reise ja so viel erleben, habe so viele neue Erfahrungen gemacht, habe mein Leben, bereichert und angefüllt mit für mich einzigartigen Geschichten. Da ist es doch nur allzu selbstverständlich, dass es Dinge gibt, die ich noch nicht gesehen habe und wenn ich sie vielleicht dann doch eines Tages sehe, dann kann ich mich umso glücklicher schätzen.

Um halb zwölf macht die Fähre in Rivière du Loupe fest und ich setze meinen Weg nach Süden fort. Als ich einen Hinweis zu einem „Historic Site“ sehe folge ich diesem. Bald bin ich an der Küste, wo ein großer, sehr modern wirkender Leuchtturm alles überragt.

Leuchtturm an Point-au-Pére

Direkt neben dem Leuchtturm steht ein U-Boot, das zu einem Maritim-Museum gehört. Leider prangt hier in großen Lettern ein Hinweis, dass U-Boot und Museum geschlossen sind. Die Saison ist beendet und das bekam ich seit dem Labour Day, jeweils dem erstem Montag im September, immer öfter zu spüren. Campingplätze, Museen und andere touristische Einrichtungen schließen dann ihre Pforten und für den Reisenden wird es von da an deutlich anders. So ziehe ich weiter. Um ein wenig schneller voran zu kommen nutze ich wieder den Highway #20. Irgendwann fällt mir ein polterndes Geräusch auf, dessen Ursprung ich am FidiBus vorn rechts vermute. Da ich unauslöschlich das Schlagen der Bremse auf die Bremsscheibe nur zu klar in meinem Kopf habe, kann ich einen erneuten Bremsschaden als Ursache ausschließen. Vielmehr vermute ich ein ausgeschlagenes Achsgelenk. Angesicht der vielen Kilometer über Schotter- und Höllenwege würde mich das nicht wundern. Ich fahre also wiedereinmal unter hundert Km/h, verlasse deshalb den Highway #20 und biege auf den kleinen, parallel verlaufenden Highway #13 ab. Zu spät! Schon sehe ich im Rückspiege das blau-rote Geflacker meiner Freunde von der Polizei. Ich kenne die Übung. Rechts raus, Fenster herunterfahren, Hände aufs Lenkrad, und neutraler Blick. Freundlich wurde ich darauf hingewiesen, dass ich 20 km/h unter Speed Limit war. So langsam schwillt mir der Kragen, doch ich schaffe es, die Ruhe zu bewahren. Wer fühlt sich gestört? Frage ich und erfahre, dass ein LKW-Fahrer Meldung machte. Ich war noch nicht einmal zehn Kilometer mit achtzig Km/h unterwegs. Innerlich kochend erkläre ich dem Polizisten mein Problem und biete ihm an, sich von dem Gerumpel zu überzeugen. Er lehnt ab und lässt mich ziehen.

Highway #168


Dieser unvorhergesehene Stopp und die folgende erfolglose Ursachensuche kosteten mich erneut Zeit. Wieder wurde es dunkel und auf dieser wenig befahrenen Straße mit ihren abgrundtiefen Schlaglöchern lassen mich dem Hinweis nach Pugwash folge. Der Name dieses Ortes hat einen Klang, der mir auf irgendeine Weise bekannt vorkommt, doch kann ich die Verbindung zu meinen grauen Zellen nicht herstellen. Ich fahre über eine Brücken in den Ort und finde die Zufahrt zu dem empfohlenen Schlafplatz durch eine Schranke versperrt. Erneut fahre ich über den Pugwash River, wo ich bei meiner Ankunft den kleinen Fischerhafen am nördlichen Ufer der Flusses bemrkt hatte.

Hier finde ich nahe der Mole einen Platz, der gegen allzu neugierige Blicke von der Straße aus nicht einsehbar ist Zwei Dosen Bier und ein Topf Baked Beans helfen mir das Feierabendgefühl zu erzeugen, das mir einen guten Schlaf garantiert. Ein Blick aus dem Fenster lockt mich noch einmal hinaus aus der Wärme des FidiBus‘ in die kalte Nacht. Der Vollmond und die Wolken liefern ein grandioses Schauspiel. Mal steht der Mond groß und klar am Himmel, ein andermal bedeckt er sich mit einem Schleier aus feinen hohen Stratuswolken um im nächsten Augenblick ganz oder teilweise von großen Dunklen Wolken verborgen zu werden, deren Ränder vom Licht des Mondes gerahmt werden. Es ist ein dramatisches Schauspiel, an dem ich mich kaum satt sehen kann.

Nacht im Hafen von Pugwash
Nacht im Hafen von Pugwash

Am nächsten Morgen möchte ich als Erstes wissen, weshalb mir der Name des Ortes Pugwash so im Kopf herum spukt. Auf dem Weg zum Bäcker fahre ich an einem „Friedensmuseum“ vorbei und überall an den Straßen hängen Regenbogenfahnen und die blauen Fahnen mit der Friedenstaube. Und dann fällt es mir wieder ein: Pugwash in Nova Scotia gilt als die Wiege der Friedensbewegung. Die Details zu der Geschichte wollen mir aber nicht einfallen. Die Bäckerin in der kleinen Bäckerei, in der ich bei einem Kaffee und einem Croissant den Tag beginne, hilft mir jedoch auf die Sprünge. Hier nahm die Pugwash-Bewegung ihren Anfang, jener Bewegung in der Wissenschaftler, Politiker und Philosophen über Fragen zur allgemeinen Weltentwicklung und der atomaren Bedrohung diskutierten. Der Ort an dem diese Konferenzen ihren Anfang nahmen befindet sich hier in Pugwash in der Thinkers Lodge, heute ein Museum und ein „Historical Site“. Ich parke den FidiBus im Ort und laufe am Ufer des Pugwash-River entlang. Schon von Weitem leuchtet mir das weiße Holzhaus mit seinem prächtigen Eingang entgegen. Ich sehe sie vor mir, die Herren, denn es waren zu der Zeit ausschließlich Herren, die die Gefahren der atomaren, biologischen und chemischen Waffen als Bedrohung für die gesamte Erde und die Möglichkeiten ihrer Begrenzung oder gar ihrer Vernichtung diskutierten. Von hier ging ein wesentlicher Beitrag zu dem Atomwaffenteststopp aus und an ein Mitglied aus ihren Reihen wurde 1965 der Friedensnobelpreis verliehen. Ich kann es nicht leugnen, dass ich an diesem Ort einen gro0ßen Respekt empfand und doch gleichzeitig erkennen muss, welch ein Kampf gegen Windmühlenflügel diese Konferenzen vielleicht sind.

Thinkers Lodge in Pugwash

Auf dem Weg zu der kleinen Anhöhe, auf deren Plateau die Villa steht, laufe ich über Trümmer, fortgespülte Boardwalks und eilig aufgeräumte Stege der Hummerfabrik. Der Hurrikan Fiona hat hier seine Spuren hinterlassen. Durch die blinden und verstaubten Scheiben der Thinkers Lodge versuche ich einen Blick in ihr Inneres zu bekommen, und was ich sehe füllt mich mit Enttäuschung. Zwar sehe ich prächtige alte Möbel in dem Salon und den Zimmern des Erdgeschosses, doch dazwischen ist jeder freie Platz mit Gerümpel gefüllt. Der Anblick kommt mir wie eine Entweihung dieses historisch so bedeutungsvollen Ortes vor. Erst später bringe ich dies mit dem Hurrikan in Verbindung und möglicherweise hat man versucht,Hab und Gut auch hier vor der Zerstörungskraft des Sturmes in Sicherheit zu bringen.

Ich kehre zurück zu meinem FidiBus und setze meine Reise fort nach Halifax. Mich packt plötzlich eine große traurige Welle, die über mir zusammenschlägt und Tränen steigen in mir auf. Das war’s; meine Reise ist beendet. Freilich freue ich mich darauf, Wayne und Jill sowie ihre Eltern Ainsley und Sharon wiederzusehen und noch ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen, doch für mich ist das etwas ganz anderes als das vergangene Reisen. Mir fehlt der stete Ortswechsel und die damit einhergehenden wechselnden Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse. Das im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Leben in diesem Land findet heute sein Ende. Der letzte Vollmond die letzte Nacht im FidiBus. Mit jedem Tag gibt es nun ein neues letztes Mal.

Schleifen

Ich habe eine merkwürdig Art, meine Reisen zu planen. Das fällt mir heute besonders auf. Der schnellste Weg nach Halifax führt vom Westen der Stadt über den St. Lorenz-Strom und auf der A20 an dessen Südufer entlang. Doch ich wähle das nördliche Ufer in der Hoffnung an der Brücke über den Rivière Saguenay nach Tadussac zu gelangen. Hier schlösse sich der Kreis des ersten Abschnittes meines Roadtrips. Von hier aus wendete ich mich im Juni Richtung Nordwesten um schließlich nach Dawson City zu gelangen. Denke ich zurück an vergangene Reisen so fällt mir nun auf, dass meine Touren stets einem bestimmten Muster folgen. Die einzelnen Reiseabschnitte bilden zumeist eine Schlaufe und kehren dann wieder an den Beginn dieser Schlaufe zurück um dann in einer anderen Richtung einer weiteren Schlaufe zu folgen. So wie sich auch jetzt wieder in Tadusac ein Kreis schließen wird.

Der Highway #138 ist gut ausgebaut und die Zahl der Lastwagen hält sich in Grenzen. Da die Trucks meist um zehn Prozent über dem Speedlimit fahren empfinde ich sie als Drängler und anders als bei uns zuhause ist auf den Highway alles verboten, es sei denn, es ist ausdrücklich erlaubt. So gilt ein generelles beinahe überall ein generelles Überholverbot, angezeigt durch eine durchgehende Linie. An Steigungen oder nach einer bestimmten Strecke werden Überholspuren ausgewiesen. Erstaunlicherweise halten sich die Autofahrer sogar im Großen und Ganzen an solche Regeln, obwohl es kaum Verkehrskontrollen gibt. Aber das führt eben dazu, dass die Trucks mit einhundert Km/h von hinten angebraust kommen und recht ungeduldig werden, wenn ich mit den erlaubten hundert dahinziehe. Solche Highways eignen sich dann eben nicht zum Cruisen.

Auf dem Highway #138

Es wird dämmrig und von meinem angepeilten Ziel bin ich noch weit entfernt. Welchen Sinn macht es nachts durch ein Land zu fahren, das man sich doch anschauen möchte. Eine Planänderung muss her. Nicht weit entfernt befindet sich der Fischerort Saint-Siméon mit einem Fährhafen und einem Camingplatz der sogar den Luxus einer Dusche anbietet. Bald sehe ich das Hinweisschild in den Ort, folge der Straße hinab zum Wasser und gelange in den Ortskern. Meiner Vorstellung einer heißen Dusche muss ich ebenso eine Absage erteilen, wie meinem Wunsch nach einem kühlen Bier und einem Thekengespräch. Sowohl der Campingplatz war geschlossen als auch die beiden Motels und auch die Bar. Seitlich des Fähranlegers finde ich einen großen Parkplatz auf einer Mole. Weder eine Kette noch ein Hinweisschild verbieten es hier zu übernachten und so suche ich mir einen Platz am Ende des Fähanlegers. Die Hoffnung hier einen Platz mit ein wenig Dunkelheit zu finden ist vergeblich. In gleißendes Scheinwerferlicht gehüllt kann ich jedenfalls davon ausgehen, dass mir niemand meinen FidiBus unter meinem Hintern weg klaut. Lust zum Kochen habe ich heute nicht mehr und so warte ich nach Tee und Brot darauf in meinem nur mäßig abgedunkelten FidBus in den verdienten Schlaf zu fallen.

Die Tage werden nun länger, die Morgendämmerung kommt später und so wache auch ich erst gegen sieben Uhr auf. Ein Stückchen entfernt von mir steht ein roter VW T3-Bus und ein Paar pendelt zwischen Fährbüro und Auto hin und her. Nach bewährtem Muster gehe ich zu ihnen hinüber, stelle fest, dass es sich um Franzosen handelt und wünsche einen guten Morgen. Sie erzählen mir, dass sie sehr wohl auf dem Campingplatz übernachtet hatten, zu dem es einen weiteren Zugang von der anderen Seite gibt, den sie Dank ihrer Nachfrage an der Tankstelle genannt bekamen. Selbst die Dusche war vorhanden, aber es gab ansonsten keinen weiteren Service, dafür konnte man dort aber kostenlos nächtigen. Nun, welchen Service brauche ich denn außer hin und wieder einer Dusche und schließlich habe ja auch ich kostenlos übernachtet und hatte sogar elektrisches Licht in Hülle und Fülle. Naja, Pech gehabt.

Quebec ein Eilerfahren

Für Quebec hatte ich zwei volle Tage eingeplant, doch unter dem geänderten Zeitplan muss ich nun auch hier Kürzungen vornehmen. In der vergangenen Nacht hatte ich am Yachthafen einen Platz zum Schlafen gefunden. Von hier aus bis ins Zentrum habe ich es nicht sehr weit, aber zu weit um zu laufen. Im Zentrum gibt es direkt am Fluss mehrere Parkplätze und ich entscheide mich, direkt unterhalb des Rathauses zu parken. Von hier aus laufe ich hinauf in die Altstadt.

Blick über Quebec mit dem Bahnhof im Zentrum

Es fühlt sich für mich an, als sei ich in einer anderen Welt, weit entfernt von dem Kanada, das ich kenne. Je nach Quartier fühle ich mich in Frankreich oder in Groß Britanien und so empfinde auf direktem Weg die wechselhafte Geschichte der Stadt und der Provinz. Briten und Franzosen kämpften um den Besitz dieser wichtigen Handelsmetropole. 1759 gelang es dann den Briten die Stadt nach monatelanger Belagerung in Besitz zu nehmen. Etwa einhundert Jahre später wurde Quebec City zur Provinzhauptstadt der neuen Provinz Quebec. Mein nun eng gewordener Zeitplan erlaubt es mir nicht mehr, die Stadt in der geplanten Art und Weise zu erkunden. Um dennoch möglichst viel von der Stadt zu sehen beschließe ich einen der Hop-On – Hop-Off-Busse zu ergattern, um wenigstens die wesentlichen Gesichtspunkte der Stadt zu sehen. Vielleicht erschließt sich mir auf diese Weise eines der schönen Cafés um den Flair des europäisch anmutenden Stadtlebens zu genießen. Im Schnelldurchgang fährt der Bus durch die Altstadt, entlang des Hafens, bis zu einem Platz unterhalb des eindrucksvollen Hotels Chateau de Frontenac.

Hotel Chateau Frontainac

Hier steige ich aus. Mit der Standseilbahn fahre ich hinauf, damit ich von hier oben auf denSt. Lorenzfluss hinabschauen kann. Auf dem hölzernen Bordwalk am Rande des Plateaus schlendere ich ein Stück in Richtung der Zitadelle. Ein Musiker sitzt an der Mauer vor der Steilhang und spielt auf seinem Bandeon französiche Chancons von Jaques Brel und Gilbert Bécaud. Er hat eine sehr schöne Stimme. Doch ich muss weiter. Hinter dem Chateu de Frontenac sehe ich den roten Touristikbus und ich besteige ihn. Zu spät fällt mir auf, genau an jener Stelle zugestiegen zu sein, an der ich meine Tour begonnen hatte und so durchfahre ich die ersten vier Stationen ein zweites Mal. Nach eineinhalb Stunden bin ich am Ende der Tour angelangt. Zeit für eine heiße Schokolade in einem hübschen Straßencafé.

In den Gassen von Quebec

Am späten Nachmittag laufe ich dann zurück zu meinem FidiBus. Es drängt mich weiter. Schade, gerne hätte ich einen weiteren Tag in dieser geschichtsträchtigen Stadt verbracht. Auch das Museum der Zivilisationsgeschichte hätte ich gern besucht, aber am vierzehnten Oktober muss ich in Halifax sein, das Auto reinigen seetüchtig packen und es am sechzehnten Oktober um acht Uhr im Hafen abliefern. Bleiben also noch drei Tage und etwa eintausendeinhundert Kilometer.

Habt Geduld

Liebe Bloggemeinde, ich bitte euch noch um ein wenig Geduld. Am Dienstag Abend, dem 15. November wird der letzte Buchstabe meines Blogs geschrieben sein. Ob meine Galerie mit diesem Zeitplan mithalten kann ist ungewiss, denn aus der Vielzahl von etwa 7000 Bildern die repäsentativen herauszufischen ist zeitaufwändig und mühsam. Also schaut einfach hin und wieder mal vorbei, wenn es euch interessiert.

Bis bald!

Deutschunterricht

Die vergangene Nacht verbrachte ich nicht weit von Toronto entfernt auf einem Truckstopp. Es war noch nicht dunkel und nutzte hier die Zeit im Restaurant um die Bilder von meinen Fotos auf den Server zu laden und für die Gallerie meines Blogs aufzubereiten. Es ist ein zeitaufwändiges Verfahren und als ich endlich damit fertig bin ist es draußen dunkel und hier im Restaurant werden die Stühle auf die Tische gestellt. Es wird nun gänzlich ungemütlich und ich ziehe es vor, in meinen FidiBus zurückzukehren. Hinter mir parken einige Trucks und ich ahne, dass sie mir die Nacht verderben werden. Nicht nur, dass die Generatoren der Kühlaggregate ohne Unterlass brummen, sondern auch die Motoren der schweren Zugmaschinen bringen mich um meinen Schlaf. Eine Weile halte ich mir den Lärm mit meinen Kopfhörern vom Leibe. Ohne Ton schalte ich die die elektronische Lärmunterdrückung ein und schlagartig habe ich Ruhe. Doch mit den sperrigen Dingern auf dem Kopf zu schlafen ist auch nicht so einfach und irgendwann muss ich mich zwischen Lärm und Unbequemlichkeit entscheiden und ich entscheide mich für den Lärm. Der erste zarte Lichtschein kündet von dem neuen Tag. ich mache mich fertig für die nächste Strecke, die von dem autobahnmäßig ausgebauten Highway abweicht und über schmale Nebenstrecken, durch abwechslungsreichen Wälderund Sumpfgebiete nach Osten führt. So langsam habe ich mich an die strahlenden Herbstfarben gewöhnt. Meine Fotostopps werden nun weniger aber auch heute schaffe ich keine zweihundert Kilometer. Am späten Nachmittag komme ich in Flesherton an, einem kleinen Städtchen, hinter dessen Bibliothek zwischen überdachtem Marktplatz und einer großen Wiese ein geeigneter Platz zum Übernachten sein soll. Nun, so komfortabel wie beschrieben ist er nicht und auch das WLan ist nur erreichbar, wenn mann unmittelbar vor der Bibliothek steht. Aber ich bin ohnehin nicht in der Laune meinen Blog zu aktualisieren oder mir Informationen aus der Welt anzuschauen. Obwohl ein leichter Nieselregen eingesetzt hat, möchte ich mir noch ein wenig die Füße vertreten. Beim letzten Einkauf vergaß ich die Schlagsahne für mein Abendessen und so mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Der Regen beginnt einen spiegelnden Film über die Straße zu legen und die einsetzende Dämmerung legt einen feuchtgrauen Schleier über die Häuser. Nur wenige Minuten und es fühlt sich so an, als als würde der Regen direkt durch meine Jacke und mein Hemd auf die Haut treffen. Es ist kalt.

Hauptstraße von Flasherton

Der kleine Laden ist ist einer wie man ihn hier in Kanada noch häufig trifft. Ein General Store, wie ich ihn auch bei uns aus meiner Kindheit noch kenne. Neben Lebensmitteln findet man Angelruten, Werkzeug, Kettensägen, Nähzeug und das Wichtigste, was man in einem Haushalt benötigt.

Kolonialwarenladen das kulturelle Zentrum in Flasherton

Die Frau hinter der Theke ist jung, eigentlich ist es wohl eher ein Mädchen. Ich schätze sie zwischen vierzehn und sechzehn Jahre. Als sie meinem suchenden Blick folgt, fragt sie mich ob ich klar komme oder ob sie mir helfen könne. Ich benötige Schlagsahne erkläre ich ihr und sofort kommt sie hinter ihrer Theke hervor, stellt sich mir als Cat oder Kat oder was auch immer sich hinter dieser Kurzform verbirg vor und geht mit mir an ein Kühlregal. Wofür ich die Sahne benötigte, denn es gibt ja verschiedene Sorten, gesüßt, fett, halbfett mager und vegan „I’m gona cook Sahnegeschnetzeltes und Spätzle“. „What?“ „Sahnegeschnetzeltes und Spätzle“. ‚Was ist das?‘ möchte sie wissen und ich erkläre es ihr. Wo ich herkäme möchte sie nun von mir wissen und als ich ihr erkläre dass ich aus Deutschland komme folgt die Frage ‚Ist das ein typisch deutsches Essen?‘ Irgendwelche Angehörigen ihres Vaters seien auch aus Deutschland aber sie kenne sich nicht aus mit deutschem Essen. Und dann erzählt sie mir, dass sie auch einmal nach Deutschland reisen möchte, da gäbe es doch diese schönen alten Häuser und Kuckuksuhren. Sie hätte auch gehört, dass dass man in Deutschland „Judelsongs“ hätte. Ich begreife nicht, was das sein sollte und so versucht sie es mir vorzusingen, wobei sie eine recht undefinierte Tonfolge mit den Rufen „Jahoodle, Jahoodle, Jahoodle begleitet. Da bgreife ich, dass sie „Jodeln“ meint. Also überrasche ich sie mit einem anderen volkstümlichen Kunststück, mache ihr vor, was ein Schuhplattler ist und sie lacht sich schlapp, als ich meinen Vaithstanz mit einem Juchzer beende. Ein junger Mann mit Rauschebart tritt durch die Tür und ich sehe ihm an, dass er nicht weiß, was er davon halten soll. Wir beenden unsere Einführungslektion in grundlegendes deutsches Kulturgut und ich komme auch nicht mehr dazu ihr zu erklären, dass dies natürlich nur in einem kleinen Teil Deutschlands praktiziert wird. Cat oder Kat wendet sich sich dem jungen Mann zu. Sie berichtet ihm, dass ich aus Deutschland käme und schon folgen die Fragen, die ich nun schon auswendig kenne. Wobei immer wieder die Erklärung, dass ich mein eigenes Auto aus Deutschland nach Kanada verschifft habe für Erstaunen sorgt. Als ich den Laden verlasse ist es dunkel. Ich entdecke eine jener kleinen Brauereien, die es in beinahe jedem größeren Ort gibt. Mit bester Laune beschließe ich den Abend mit einem Bier zu beenden. Der junge Mann darf meine Bestellung nicht notieren, da er noch keine sechzehn ist und so bringt mir die Mum die Getränkekarte. Den Weg zum FidiBus lege ich im Trockenen zurück. Es war ein verrückter Abend.

Wieder daheim

Die folgenden Beiträge schreibe ich, während ich schon wieder zuhause bin. Für die letzten Tage in Kanada war Eile geboten und ich wollte die verbleibende Zeit nicht damit verbringen von einem Fast Food Restaurant zum nächsten zu hetzen oder gar für ein Free WiFi vom rechten Kurs abzuweichen.

Doch ich verspreche hoch und heilig, ich werde euch weiter mitnehmen, bis ich meinen Fuuß über die Schwelle meines Hauses setze.

Zu Fuß nach Manitulin Island

Beim Frühstück erzählt mir Mayken von ihren Quilts, die sie in ihrer freien Zeit näht und ich kann sie dazu bewegen mir einige davon zu zeigen. Selbst als Mann der sich nie mit Handarbeiten befasste, erkenne ich die hohe Qualität dieser bunten, aus hunderten einzelnen Stoffteilen zusammengenähten Decken. Ich bin schwer beeindruckt. Doch dann heißt es auch hier wieder Abschied zu nehmen.

Mein heutiges Ziel ist Tobermory ein Fischerort und Fährhafen, von dem aus ich doch wenigstens für ein paar Dollar mit der Chi Cheemaun, der Fähre, mit der man in eineinhalb Stunden quasi zu Fuß Manitoulin Island erreichen kann. Ich erreiche die letzte Fähre, mit der ich auch wieder nach Toberory zurückkomme gerade rechtzeitig. Man treibt mich zur Eile, denn die Fähre ist abfahrbereit. Ich soll bei Sara rasch ein Ticket kaufen und sofort an Bord gehen. Für neunundzwanzig Dollar verkauft Sara mir also das Ticket und ich hechte an Bord. Kaum bin ich auf der Fähre, da verfinstert sich der Himmel dramatisch und es gießt was das Zeug hält vom Himmel herab. Na ja, dann genieße ich einfach eine Fahrt auf dem Lake Huron bei Unwetter.

Regen auf der Fähre nach Manitoulin Island

Zurück in Tobermory stelle ich fest, dass es ich um ein hübsches kleines Hafenstädtchen handelt. Die Straßenbeleuchtung spiegelt sich auf der regennassen Straße und aus der örtlichen Brauerei dringt das warme Licht nach draußen. Da muss man doch glatt einmal hinter die Türe schauen. Gesagt getan und dieses Mal sprach mich eine Frau an. Ihr gefiel meine Hose. Es war eine jener Marken, die ich seit meiner Zeit als Geologe bevorzuge und die von einem kleinen Lederfuchs an der Seite geziert wird. Hmm, hätte sie nicht ihren Partner dabei, würde ich meinen, das es sich um den Beginn eines schönen Abends handelte, aber ja, da ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Nachdem das Thema der Vorzüge dieses fröhlich olivgrünen Kleidungsstückes also ausreichend besprochen war, bemerke ich, dass nicht nur mein Glas, sondern auch das Gespräch leergelaufen ist. Mit Eleganz erhebe ich mich vom Barhocker und strebe durch die Tür in die Kälte meinem Fidibus entgegen. Mein nächstes Nachtlager erreiche ich nur wenige Minuten später. Es liegt im Bruce Penninsula National Park in dem außer ein paar wenigen Wanderern kaum noch Menschen übernachten.

Ich schiebe am Morgen die Vorhänge meines Fensters zur Seite. Das Wetter ist ein Zwischenzustand zwischen Nebel und Nieselregen und eigentlich wollte ich doch noch eine Tour entlang der Küste machen, wo es eine Felsengrotte geben soll. Ich kämpfe gegen meinen inneren Schweinehund, diskutiere die Vor- und Nachteile meines Vorhabens und bemerke, dass ich solche stillen Diskussionen inzwischen bereits auf englisch führe. Nach dem Frühstückskaffee ist die Diskussion entschieden. Das Regenzeug wird eingepackt und dann gehe ich los um in Verbindung zweier Trails den Wald und die Küste zu erkunden. Nach wenigen Minuten verziehen sich die Wolken und die Sonne kommt hervor. Der Wald ist still.

Sitzt da nicht jemand am Boden?

Die Vögel haben ihre Brutzeit wohl hinter sich und sind bereits in ihr Winterquartier aufgebrochen. Nur das Rascheln des Blätterwaldes mischt sich mit dem entfernten Rauschen des Sees. Bald ist es zu einem regelrechten Tosen angeschwollen und dann erreiche ich die Steilküste des Sees und blicke hinab auf Wellen, die ich nur in einem Ozean erwartet hätte. Es ist gewaltig.

Es ist nicht der Ozean sindern der See Lake Huron. Bruce Penninsula Island
Felsenbogen / Bruce Penninsula Island
Grotte / Bruce Penninsula Island

Die Grotte erweist sich als nicht sehr spektakulär. Dafür werde ich mit einem wunderschönen Wald und den sich mir immer wieder bietenden Ausblicken auf den See belohnt. Am Nachmittag bin ich dann wieder bei meinem FidiBus und wir starten Richtung Südosten. Von nun an fahre ich über kleinste Nebenstraße durch den Herbstwald, vorbei an malerischen kleinen Siedlungen, statte dem McMichael Museum noch einen Besuch ab, in dem unter Anderem die Gruppe der Sieben ihre Eindrücke Kanadas in Bildern und Skizzen festgehalten haben.

Herbstwald, eine Dorfstraße

Ich schenke mir Toronto, möchte lieber etwas früher in Quebec sein und auch bis dahin habe ich noch gut zwei oder drei Tage zu fahren. Die Highways durch Toronto sind gewaltig. Auf zehn Spuren drängen die Autos dicht an dicht in die Stadt hinein und wieder heraus und so bin ich froh, als die Stadt hinter mir lasse

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