Mit dem Bulli durch's Land der Bären und Wölfe

Monat: Juni 2022

Kenora und der Lake Manitoba

Ausgeruht und entspannt erwache ich am Morgen hinter meinem wenig romantischen dafür aber sicheren Schlafplatz auf dem Gelände des Walmart.Ich verzichte darauf, mir hier noch einen Kaffee zu kochen. Bei Tim Hortens ist er billig, ich nehme noch ein Croissant dazu, das um diese Zeit noch richtig frisch ist. Schnell werfe ich noch einen Blick auf meine Mails, öffne Spiegel online und schließe die Seite sogleich wieder. Ukraine, Kanzlerkritik, russische Atomwaffenträger nach Belaruss und ähnliche pessimistische und unerbauliche Nachrichten sind augenblicklich nicht das, worauf ich Lust habe. Ich glaube, ich bin froh weit entfernt von den Problemen und Sorgen unserer Welt zu sein. Seit meiner Ankunft in Halifax ist meine Nachrichtensucht wie weggeblasen, so ganz anders, als zuhause, wo ich mehrmals am Tag Spiegel-Online aufrief, wichtige Debatten bei Phönix verfolgte und im Hintergrund beinahe den ganzen Tag das Radio mit dem Deutschlandfunk lief. Ich vermisse nichts, sondern ich lebe entspannt in den Tag hinein, lese sporadisch, meist bin ich viel zu müde um noch viele Seiten am Stück zu lesen oder aber ich erlebe den Tag noch einmal in meinen Gedanken, wobei es mir hilft, diesen Blog mit Leben zu füllen.

Um acht Uhr starte ich. Der Himmel ist bedeckt und für den Tag meldete das Radio Regen und vor allen Dingen Wind. In der Gegend von Winnipeg sei auch vereinzelt mit Hitzetornados zu rechnen und es wird davor gewarnt, sich im Freien aufzuhalten. Doch kurz nach meinem Start kommt die Sonne heraus und wäre ich nicht so geizig mit meinem Spritt, so hätte ich schon längst die Klimaanlage eingeschaltet. Es wird unerträglich heiß. Die Sonne sticht vom Himmel und meine Mutter hätte gesagt, das sei eine „falsche“ Sonne. Die Landschaft ist geprägt von Seen, vielen kleinen Flüsschen und immer wieder Wälder. Sie sind dicht, nicht mehr die öden Schwarzfichten oder die verbrannten Flächen. Ich beschließe also den Highway zu verlassen um an einem der Seen ein kurzes Bad zu nehmen und einen Espresso zu trinken. Heute ist das Abitreffen und in Ernsbach beim Back und ich habe mir gewünscht, über Skype oder WhatsApp eine Weile dabei sein zu können. Deshalb möchte ich um ein Uhr in Kenora sein, da ich dort sicher einen Platz mit WiFi finde.Viertel vor eins komme ich in Kenora an. Das öffentliche WiFi war an der ganzen Strandpromenade des Lake Of The Woods nutzbar und viertel nach eins startete ich meinen ersten Versuch. Vergeblich! Es ist wohl so, wie ich es vermutete: Es wird leichter sein in Kanada ein funktionsfähiges Netz zu bekommen als daheim in Elsbach beim Back. Nach weiteren Versuchen, sogar einem Telefonanruf, gab ich es dann auf und kommunizierte dafür mit Katja, meiner Tochter.

Danach möchte ich mir dann einen Caesar gönnen und such‘ mir eine Bar. Meine Neugier führte mich auf den rechten Weg. Ein offensichtlich älteres Haus mit einer Aufschuft „BAR“ versteckte sich hinter Bauplanen. Als ich durch sie hindurchschaue sehe ich auf Tapeziertischen eine Küche aufgebaut und einen Koch der geschäftig dabei war, diverse Suppen zu kochen. Ich zögere, doch der Koch hat mich schon entdeckt. „Hey how’re You? Can I help You“. „Ich suche eine Bar“ antwortete ich.You’re wright here, come in! I’m Fred, What’s Your name?“. Also trete ich durch die Türe, die zu einem Treppenhaus zu gehören scheint, doch sie öffnet sich in einen weiten hohen Raum. Die Bar ist mit alten Klamotten dekoriert, in einer Ecke gibt sich eine Boutique zu erkennen, auf einer großen Leinwand wird ein Football-Spiel übertragen. Etwa zehn Frauen und Männer unterschiedlichen Alters sitzen beieinander an zwei zusammengestellten Tischen. Sie bestellen sich Pizza und Burger, dazu Bier. Die Bedienung wirkt gestresst und bemerkt mich erst, als ich unmissverständlich auf mich aufmerksam mache. Nein, nichts essen, ich möchte nur einen Drink, einen Caesar. Sie wird freundlicher, der Stress weicht von ihr ab, vielleicht liegt das an meiner recht einfachen Bestellung. Ich rufe Ursel über WhatsApp an und wir quatschen ein wenig. Heute funktioniert auch endlich ihre Kamera, ein neues Handy macht’s möglich. Die Türe öffnet sich und Männer, eine Mischung aus Hippies und Hillbillies kommt herein und ohne viele Worte beginnen sie ihre Musikinstrumente und Mikrofone aufzubauen. Für heute Abend ist Livemusik angesagt. Zu spät für mich, ich möchte heute noch bis zum Manitoba See fahren.

So zahle ich und gehe zurück zum FidiBus, Neben dem Parkplatz befindet sich ein überdachter Festplatz und auch dort gibt es Livemusik. Von der Bühne singen junge und ältere Frauen von Jesus, ihrem Leben, dass durch ihn erst Inhalt bekommt. Sie singen von Sünden der Menschen und berichten freudestrahlend vom Sieg der amerikanischen Republikaner bei der Aufhebung des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch, Mit Gospelsongs wettern sie gegen die Menschen die sich zur Gruppe der LGTBQ (Lesbisch, Schwul, Transsexuel, Bisexuell und Queer) zugehörig fühlen. Musikalisch schön, inhaltlich jedoch für mich nicht akzeptabel.

Am Ende der Stadt treffe ich auf eine kleine Gruppe von Menschen in einem Park. Ich halte an, schnappe meine Kamera und gehe hinüber. Bunt gekleidet und mit Regenbogenfahnen winkend, tönen mir auch hier die Worte „Jesus“ und „Gott“ entgegen, aber in einem anderen Kontex. Ich frage eine junge Frau nach der Grund dieser Zusammenkunft. „We are frustrated, but we are many.“ „Wir sind ein Teil der Gesellschaft und wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir durch das Recht geschützt sind. Auch für uns gelten die Menschenrechte, auch wir sind Gottes Geschöpfe. Wir verurteilen den Obersten Gerichtshof der USA für ihr rückwärtsgewandtes Urteil zum Schwangerschaftsabbruch. Wir Frauen bestimmen wann und ob wir ein Kind haben wollen, besonders, nach einer Vergewaltigung“. Hier waren sie also, die Anderen, die Ausgegrenzten, gegen die sich die christlichen Gemeinde der braven Bürger so in Zeug gelegt hatte. Die Einen fühlten sich von Jesus verlassen, andere hoffen, dass Gott und Jesus ihren Kampf unterstützt, denn sie sind Gottes Geschöpfe.

Es ist nun um halb fünf. Ich muss weiter, will ich mein Ziel heute noch erreichen. Die Strecke wird immer eintöniger, flach wie der Boden eines Topfes. Felder soweit der Blick reicht wieder ist die Straße gerade, als sei sie mit der Schnur gezogen. Der Highway ist dafür vierspurig ausgebaut. Ich bin, wenn ich mit achzig dahinfahre also kein Hindernis mehr, doch automatisch erhöhe ich das Tempo, was ich am nächsten Tag sofort an der Tankstelle zu spüren bekomme. Das ist errmüdend, glücklicherweise tönt aus dem Radio Rockmusik der Achziger und Neunziger, Bei Winnipeg wird der Himmel schwarz. Im Nordweste sieht man die Regenfahnen wie Wasserstrahlen einer Dusche und es wird mir unheimlich. Wie war das doch mit den lokalen Tornados? Und dann sehe ich tatsächlich wie sich ein solcher Wirbel urplötzlich wie die Zunge eines Camälions aus den Wolken schnellt um Sekunden später schon wieder in sich zusammenzufallen. Ich war so erschrocken und überrascht, dass ich mein Handy zum fotogrsafieren erst zur Stelle hatte, als der Spuk schon vorüber war. Doch der Himmel ist noch immer schwarz. Wann hat mich die Front wohl erreicht oder fahre ich direkt in sie hinein? Aber ich hatte Glück, wie so oft auf meiner Reise und fuhr immer schön am Rande dieses Wettergeschehens entlang und außer ein paar Regentropfen bekam ich nichts von dem Unwetter ab. Halb neun war ich im Provincial Park von Lundar Beach. Für fünfzehn Dollar konnte ich mir einen Platz aussuchen und stehe, nur durch eine Hecke getrennt, am Lake Manitoba.

Ich werde auch heute am Sonntag hier bleiben, faulenzen, chillen, schreiben. Die Sonne scheint und ich habe geduscht. Habe meinen FidiBus ebenfalls schön gemacht, ein wenig umgeräumt und schaue nun übers Wasser. Vor mir hüpft ein Robin, ein überdimensioniertes Rotkehlchen, auch die starenartigen Vögel sammeln wieder Futter und vor wenigen Augenblicken ließ ein Pelikan sich vom Wind über das Wasser treiben.

Es ist später Nachmittag und die Vögel werden wieder aktiv. So werde ich mich gleich mit Fernglas und Kamera auf den Weg ins Reservat begeben.

Es ist mein zweiundvierzigster Tag in Kanada. Längst wäre es an der Zeit, das erste Mal so ein Gefühle von Heimweh zu verspüren und dem Drang zu widerstehen umzukehren. So war es bisher immer gewesen, wenn ich allein unterwegs war. Ganz anders auf dieser Reise. Mein FidBus bietet mir den Komfort den ich brauche. Ein Bett, einen Rückzugsort bei schlechtem Wetter, Eine Heizung für die kalten Tage. Wann immer es möglich ist, verbringe ich meinen Tag draußen, wie jetzt. Meinen Campingtisch habe ich am Strand aufgebaut, dazu meinen Sessel und meinen Laptop und während ich schreibe suchen Vögel am Strand nach Futter. Es ist schön ihnen dabei zuzuschauen. Durch das Gras hüpft eine schwarzer Vogel mit quittengelber Brust und bei jedem zweiten Hüpfschritt pickt er in den Boden und sein Schnabel füllt sich mit den Lieblingsspeisen seiner Vogelkinder. Mit dem Fernglas erkenne ich das Gezappel der Insekten in seinem Schnabel und stelle mir vor, wie es sich für mich anfühlte, müsste ich lebende Insekten im Mund mit mir herumtragen. Lieber Gott, du hast uns schon mit Bedacht so gemacht wie wir sind.

Tja, ich probierte Bilder hochzuladen, doch das Internet ist zu schlecht. Ich werde den Bericht später mit Bildern füllen und auch meine Galerie aktualisieren. Geduld ist mal wieder angesagt.

Von Menschen und Glühwürmchen

Erst einmal möchte ich für meine gestrige Betrachtung zur Äquivalenz von Masse und Energie um Nachsicht bitten, die die Haare eines physikalisch gebildeten Menschen in eine vertikale Ausrichtung bringen, aber mit diesem Gedanken hatte ich genug Energie um eine Masse Moskitos schnell in die ewigen Jagdgründe zu verabschieden.

Nun zurück zum Ernst d er Reise.

Nach meinem letzten Aufenthalt in Longlake gestaltet sich die Reise dann doch wieder abwechslungsreicher. Die Landschaft wird hügeliger und es gibt auch wieder Kurven. Allerdings hat der Verkehr zugenommen. Besonders die großen Trucks in meinem Rücken sind mit meinem Herumgecruise nicht einverstanden. Das allgemeine Speedlimit von 90 km/h stellt offensichtlich auch gleichzeitig die geforderte Mindestgeschwindigkeit dar. Geahndet wird ohnehin erst bei einer Überschreitung um 30 km/h. Mein Spritsparwille ist ungebrochen und so müssen sich die Trucks daran gewöhnen, dass ich wenigstens die neunzig einhalte. Der Dieselpreis ist seit heute auf 2,45 CAD (1,80€) festgelegt worden.

Gegen Mittag erreiche ich Ignace. Auf der Jagd nach einem Sticker Ontarios oder wenigstens der Region habe ich einen Conveniece Store ausgemacht. Vom Angelzeug über Waffen und Buttermilch bekommt man hier so ziemlich alles, eben nur keine Sticker. Wiedereinmal erregt mein Nummernschild die Aufmerksamkeit Normans, des Ladenbesitzers und schnell sind wir im Gespräch. Er erzählt mir von einer ganz netten Deutschen, die hier im Ort wohnt, die aber nach B.C. (British Columbia) trampen möchte. Ich biete an, sie auf dem Weg nach Westen mitnehmen zu können. Schnell hat er ein Treffen mit Rachel vereinbart und die Wartezeit macht er mir mit einer Art Wrap im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft. Geräuchertes Rindfleisch, Salat, frische Tomate und ein tolles Dressing aus Früchten, dazu beliebig viel Kaffee, das war zu verlockend, als dass ich das Angebot hätte ausschlagen können. Rachel sei sehr religiös, aber eine tolle Frau weiß er zu berichten. Sie lebt seit ein paar Jahren im Ort bei seinem Onkel, ihr erster Mann war verstorben, von dem zweiten wurde sie geschieden. Dann kommt Rachel! Eine sehr aparte und sehr schlanke Frau, ihr graues Haar ist unter einem blauen Hut, der unter dem Kinn mit einem Band gehalten wurde, war zu zwei lockeren Zöpfen gebunden, eine kariertes Hemd und ein grauer knöchellanger Rock, dazu ein offenes Gesicht mit fröhlichen Augen. Sie freut sich endlich wieder deutsch sprechen zu können und dann erklärt sie mir, dass sie den Ort nicht vor dem 4. Juli verlassen könne. Das habe ihr Gott gesagt und daran ist sie gebunden. Sie möchte von mir wissen ob Frau Merkel noch Kanzlerin sei und wie es in Deutschland jetzt so sei. Also versuche ich ihr das Deutschland des Jahres 2022 zu erklären. Sie ist erschrocken über die Toleranz, gleichgeschlechtliche Ehe, aufkeimender Antisemitus, freies Recht auf Schwangerschaftsabbruch, all dies beunruhigt sie sehr und da wird es mir klar, sie gehört zu dem gemäßigten Zweig der Menoniten, die zwar mit der modernen Gesellschaft Umgang pflegen, sie jedoch für sich selbst ablehnen. Vier Stunden sitzen wir in Normans Laden und zugegebenermaßen sehr orginellem Restaurant und Redaktionsbüro der örtlichen Zeitung und beschränke mich zumeist auf’s Zuhören. Norman macht mir das Angebot, während der einen Woche Wartezeit könne ich meinen FidiBus auf seinem Grundstück abstellen, ich könne sein Boot nutzen, Essen ginge in dieser Zeit auf seine Rechnung. Da habe ich beinahe zugesagt, aber eben nur beinahe, denn der Wunsch war, Rachel bis nach Britisch Columbia mitzunehmen. Das bedeutete eine komplette Umplanung meiner Reise, was Zeit und Strecke anbelangt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es lange mit Rachel ausgehalten hätte. Also verabschieden wir uns sehr freundlich und Rachel bittet um meine Postadresse in Deutschland, sie möchte durch mich aus Deutschland berichtet bekommen. Mein Hinweis auf Zeitungen und andere Medien ist naiv, das wird mir sogleich bewusst, Zeitung, Radio, Handy, TV gibt es in ihrer Welt nicht.

Ich bin um halb vier wieder auf dem Highway siebzehn. In Dryden muss ich den Durst meines FidiBus stillen. An der Tankstelle erfahre ich, dass man in der Nacht in der Region schwere Unwetter und örtlich mit Tornados rechnet. So beschließe ich eine völlig unromantische Nacht auf einem Platz hinter dem Walmart aber in Sicherheit zu verbringen. Es ist inzwischen Dunkel und ich unterbreche meinen Bericht um noch einmal nach draußen zu gehen. Erst glaube ich das Glitzern im Schein meiner Taschenlampe sei das von hunderten Insekten reflektierte Licht. Ich mache die Lampe aus, doch das Funkeln blieb. Und da ist sie dann doch wieder die Romantik eines Frachthofes des Walmart. Hunderte Glühwürmchen vollführen ihren Hochzeitstanz. Ich kann mich von dem Anblick nicht losreißen, spüre weder Mücken noch Blackflys. Und mir kommt die Erinnerung an Kambodscha wieder ins Gedächtnis, als ich nachts mit Gitte auf dem Mekong war und dieses Lichterspektakel das erste Mal erlebte und alle Glühwürmchen, als würde ihnen ein Dirigent den Takt vorgeben. Völliger Gleichklang! Und heute erlebe ich dieses Schauspiel ein weiteres Mal. Meine Stiche und Bisse behandele ich morgen. Jetzt jedenfalls nehme ich meinen Stuhl, ein Bier und setze mich nach draußen, bis mir die Augen zufallen.

Kurs Südwest

Mein letzter Bericht liegt nun bereits eine Weile zurück und endete mit meiner Flucht aus den Fluten an den Lac Saint John, wo ich mir die zwei Ruhetage gönnte. Am 18. Juni verlasse ich den Platz bei schönstem Wetter und so fahre ich ein paar Kilometer zurück um mir die verlassenen Stadt Val Jalbert anzuschauen. Das spektakulärste ist jedoch der Wasserfall. Weshalb lassen wir uns eigentlich von Wasserfällen so beeindrucken. Natürlich haben sie einerseits etwas romantisches, geheimnisvolles, sie wecken die Neugier, was sich hinter dem Wasserfall befindet. Das eigentliche Spektakel ist jedoch die unheimliche und ungezügelte Kraft des Wassers, das Rauschen und Tosen, der Eindruck des totalen Chaos‘, dem ich mich nur schwer entziehen kann.

Der Rest des Ende der zwanziger Jahre verlassenen Ortes ist zwar hübsch hergerichtet, vermag den ursprünglichen Eindruck, wie er durch alte Bilder belegt ist, nicht zu vermitteln. Zu parkähnlich und zu hübsch aufgemacht ist dieser Ort, an dem einst für eine Papiermühle das Holz der umliegenden Wälder zur Pulpe verarbeitet wurde.

„Geisterdorf“ Val Jalbert

Es war ein Ort der harten Arbeit. Kalte Winter schnitten ihn von der Außenwelt ab und die Menschen führten ein hartes Dasein. Von alldem siht man nichts. In der ehemaligen Mühle findet regelmäßig eine Multivisionsschau statt, die ihresgleichen sucht. Allein sie vermittelt den Eindruck dieses entbehrungsreichen und mühseligen Lebens. Erst am Nachmittag sitze ich wieder im FidiBus und es wird mir klar, dass ich heute nicht mehr sehr weit komme. In der Nähe des Lake Opémiska verbringe ich in der Nähe eines Campingplatzes die Nacht auf einer geschotterten Freifläche.

Da es nicht von jedem Tag und jedem Ort wirklich wichtiges zu berichten gibt, nutze ich die Gelegenheit um in eigener Sache zu berichten.

Seit einigen Tagen bemerke ich dass ich sehr beliebt bin bei der weiblichen Spezies, ja geradezu von ihr umschwärmt werde, was mich erst einmal nicht stört, denn ich stehe solchen Avancen im Allgemeinen eher zurückhalten, ja gar gelassen gegenüber. Aber es gibt einen Punkt, da wird es einfach nur lästig. Habe ich mich erfolgreich gegen die Eine zur Wehr gesetzt, nutzt es die Andere um zu einer noch schamloseren Attacke anzusetzen. Da fiel mir das Einstein und sein Gesetz aus der Relativitätstheorie ein. E=m * C². Das war die Lösung, die keiner weiteren Worte bedurfte. Mit dieser Formel gehe ich zum Gegenangriff über. Mit der Masse m meiner Hand und der Geschwindigkeit C mit der ich diese mit der Energie E auf die Hinterteile meiner Belästigerinnen heruntersausen lasse, erreiche ich dass sich diese im Augenblick, in dem sie sich auf mich herabsenken um mir meinen wertvollen Saft auszusaugen, von mir herabgleiten und tot zu Boden sinken. So endet das leben zahlreicher namenloser, blutsaugender Moskitoweibchen.

Nun gut, am nächsten Morgen nehme ich mir vor, nur eine kurze Strecke zu fahren um dann am nächsten Tag auf endlosem Highway, kaum unterbrochen durch eine Kurve nach südwesten, nach Palmerolle auf den Weg zu machen. Fast am Ziel angekommen möchte ich mir noch einen Drink gönnen und dann geht sie los, die verzweifelte Suche nach dem bevorzugten Zahlungmittel, meinem Handy. Ich stelle das ganze Auto auf den Kopf und was ich befürchtete wurde zur bitteren Wahrheit: Das Smartphone war weg. Ich erinnere mich, dass ich einhundert Kilometer zuvor, in Lebelle sur Quévelon, einkaufen und tanken war. Was nun? In der Bar versuche ich mein Handy über mein Tablet zu orten, doch meine Prepaid-Karte im Handy ist abgelaufen und als letzte Position sehe ich nur den Lake Opémiska. Ich bitte die Frau an der Bar, von ihrem Telefon aus in der Tankstelle anrufen zu dürfen, denn dort hatte ich zuletzt damit bezahlt. Tatsächlich lag es da, neben der Toilette wo es mir wohl beim Herunterlassen der Hose aus der Tasche entwichen war. Also einhundert Kilometer auf der Schotterpiste zurück. Ein Unwetter kündigt sich mal wieder für die Nacht an und es beginnt zu regnen. Da wird eine Schotterpiste schnell zur Rutschbahn. Doch unter siebzig KaEmHa wird so eine Piste zum Achsenbrecher und Stoßdämpermörder. Um sieben bin ich wieder an der Tankstelle, wo mir die rothaarige, Kassiererin gleich strahlend entgegen kommt. Ich bleibe für heute Nacht hier, gönne mir den Municipal Campsite, wo ich in der Nacht wenigstens noch meine Wäsche waschen kann und rutsche dann am nächsten Tag wieder von Neuem über die Piste und schaffe es bis nach Matheson, einer kleinen Menonitengemeinde. Es ist seltsam in unserer hochmodernen Welt plötzlich auf der Straße wieder einen Einspänner zu sehen, die Familie, gekleidet im Stil der zwanziger oder dreißiger Jahre, wie sie unter dem satten geklapper der Hufe in eine ihrer zehn Kirchen des Ortes fahren. Ein Einwohner Mathesons erklärt mir, dass die Mennoniten hier hauptsächlich die Landarbeit verrichten, während die anderen Bewohner fast ausschließlich ihr Geld durch die Goldminen in der näheren Umgebung verdienen. Ja, die Mennoniten seien geduldete fleißige Menschen, dass sie jedoch keine Steuern an den Staat zu zahlen haben und obendrein auch keine Baugenehmigung beantragen müssen, wenn sie einen Hof oder eine Kirche bauen wollen, das sorge zunehmend für Unmut in der Gemeinde. So untersagte man es ihnen, in dem Ort die elfte Kirche zu errichten. Mathesen ist eine Gemeinde mit 5000 Einwohnern und die mennonitische Gemeinde ist dabei die Minderheit. Gerade in der jetzigen Zeit, wo das Geld knapp wird, wird auch die Toleranz gegenüber dieser Minderheit knapper.

Neben meinem Nachtlager am Ufer des Black River steht ein weiterer Camper. Ein Feuerwehrmann aus Timmens, der hier übernachten möchte. Er kam von einem Einsatz weiter südlich, wo die ersten Waldbrände auftraten. Von ihm lasse ich mir erklären, mit welcher Taktik man bei Ihnen gegen solche Brände vorgeht und er zeigt mir Bilder und Videos auf seinem Handy, wie sie mit dem Helikopter am Rande des Feuers abgesetzt werden, mit dreißig Kilo Gepäck, so schwer ist die Pumpe,und dann eine bis zu fünf Kilometer lange Schlauchleitung legen. Wir trinken ein Bier miteinander, ich genieße noch eine Weile die Abendstimmung und gehe dann auch zu Bett.

Abendstimmung am Black River in Matheson

Heute ist der fünfundzwanzigste Tag meiner Reise. Bei Überprüfen meiner Reifen bemerke ich ein größeres Loch in der Decke, in dem ein Fremdkörper steckt. Ich möchte nichts riskieren und fahre die nächste Werkstatt an. Vorsichtig hebele ich den Fremdkörper aus dem Reifenprofil und stelle fest, es ist nur ein Steinchen, dass sich durch das Profil bis in die Decke gebohrt hat, wodurch etwas vom Gummi herausgebrochen war. Ein Check mit Seifenlauge überzeugt mich davon, dass der Reifen okay ist. Ich pumpe mit meinem Kompressor wieder etwas Luft nach, da ich auf den Pisten den Reifendruck um fünfzehn Prozent verringere und fahre weiter. Die Strecke ist ausgesprochen langweilig. Nichts als endlose Tundra, verbrannte Wälder und ein schnurgrader Higway. Die letze Stadt ist Cochraine, wo sich die größte Goldmine der Welt befindet, in der das Gold im Tagebau geschürft wird. Ein Besuch der Mine ist auch hier nicht möglich. Keine der Goldminen Kanadas akzeptiert Besucher. Selbst die Minenarbeiter gelangen nur mit Bussen an ihren Arbeitsplatz und müssen sich täglichen Kontrollen beim Ein- und Austritt unterziehen. Diesen Wunsch werde ich mir also nicht erfüllen können. Nach Cochrain kommt auf einer Strecke von zweihundertelf Kilometern nichts. Absolut gar nichts. Wälder, Tundra, Highway nichts. Hier möchte ich nicht liegen bleiben, auch wenn der Highway doch recht gut befahren ist. Es gibt keine Möglichkeit abzuzweigen und irgendwo zu übernachten, also fahre ich fünfhundert Kilometer bis nach Longlake. Eine Stadt die wie eine Geisterstadt wirkt.

Longlake, kein Ort zum Wohlfühlen

Mitten im Indian Reservate. Geschlossene verfallene Geschäfte, armelige Häuser, zwei Motels, eines ist so Vertrauen erweckend, dass ich es schnell wieder verlasse, auch wenn ich auf der Suche nach Wlan bin. Das Wlan im Schnellimbiss funktioniert nicht. Ein völlig heruntergekommener First Nation möchte sich von mir sechunddreißig Dollar erbetteln, ich gebe ihm fünf und sehe, dass er damit den Eigentümer des Schnellimbiss‘ bezahlt und eine Pizzaschachtel dafür bekommt und dann finde ich dem anderen Motel doch noch einen Wlan und verliere die Fassung. Der Check meines Kontos ließ meine Augen aus den Höhlen treten. Eine Abbuchung von eintausendsiebenhundert Euro für Vodafone. Mir verschlägt’s die Sprache und ich muss erst einmal schlucken. Vermutlich ist dafür die Zeit in Halifax verantwortlich, als ich noch ohne kanadische Prepaid-Karte lustig und munter Google Maps nutzte und dann vergaß das Datenroaming abzuschalten. Sobald ich morgen wieder einen Netzzugang habe, werde ich die Rechnung checken. Mich jetzt zu ärgern bringt nichts. Da mein Budget für Übernachtungen so ausgelegt war, dass ich jede Nacht einen Campingplatz aufsuche, verbrauche ich dafür nach jetzigem Stand nur ein fünftel, und wenn es so weiter geht, dann habe ich das rasch wieder eingespart, doch hätte ich mir für das gesparte am Ende meiner Reise gern ein wenig Luxus gegönnt. Na mal sehen, was am Ende dann noch übrig ist, denn außer Diesel brauche ich zum Leben hier nicht mehr als zuhause.

Es zeigt sich mal wieder: So schön unsere Moderne Kommunikationstechnik auch ist, so schnell kann sie auch zur Falle werden.

Morgen steht eine weitere großes Strecke auf dem Plan. Wieder etwa fünfhundert Kilometer und da hier nicht schneller als neunzig oder gar achzig Stundenkilometer gefahren werden darf, ist das eine Tagesreise, zumal, wenn man noch Pausen einlegt.

P.S. Neben der Provinz Québec gelingt es mir auch hier in Ontario nicht, mir einen Aufkleber der Provinz für meinen FidiBus zu erstehen. Schade!

Meine Bildergalerie wird sich was den Staat Ontario anbelangt nicht wesentlich erweitern. Also habt Geduld, bald wird’s wieder abenteuerlicher.

Schotterpistenmassage

Nach dem Stopp bei den Hamilton Falls überquert mein Fidibus die Landesgrenze nach Québec. Am Manicougan-Stausee möchte ich die Nacht verbringen. Es ist schwer, von der Straße weg eine gute Gelegenheit für eine Nacht zu finden. Nur wenige Seitenstraße führen vom Highway in die Landschaft und zumeist sind es Zufahrten zu Privathäusern. Hilfreich erweist sich die App iOverlander, in der solche Plätze sehr gut mit Positionsangaben aufgelistet und auf einer Karte angezeigt werden. Ein solcher Platz soll auch heute meinen ruhigen Schlaf garantieren.

Die nächste größere Stadt ist Fermont. Ebenfalls in den sechziger Jahren entstanden, ebenfalls eine Stadt aus der Retorte, errichtet, um den, in den nahe gelegenen Eisenerzminen eine Wohnstätte zu bieten. Ich gehe in das Infobüro der Stadt und erfahre, dass ein Besuch der Minen ebenfalls noch nicht wieder erlaubt sei.

Aufgefallen an der Stadt war mir die gewaltige Front, die wie eine Mauer wirkt. In dieser Wand sind Supermarkt, Baumarkt, Boutiken, mehrere Geschäfte und Verwaltungsstellen untergebracht. Diesen Eindruck einer Mauer schilderte ich der Dame im Infobüro die mir bereitwillig Auskunft gab. Nach einem Vorbild in Sibiren baute man diesen Komplex, den man hier ganz offiziell als le Mure/The Wall, also die Mauer berzeichnet.Er schützt die dahinter liegende Stadt gegen die kalten Nordwinde, die besonders im Winter den Menschen zu Schaffen machen. In ihr ist alles untergebracht, was die Menschen benötigen und so brauchen sie das Gebäude nie zu verlassen um alle ihre Besorgungen zu machen. Im Lee der Mauer entstanden die Wohnviertel und Parkanlagen, mit Pflanzen, wie sie sonst in dieser Zone nicht wachsen.

Kurz hinter Fermont beginnt die Schotterpiste. Etwa achzig Kilometer folge ich ihr in südlicher Richtung. Schotterpisten sind recht anstrengend. Einerseits muss man schnell genug auf ihnen fahren um die Stoßdämpfer zu schonen, anderseit muss man höllisch auf die abgrundtiefen Schlaglöcher achten, die Reifen und Radaufhängung schnell den Garaus machen können. LKWs die hier zu Hauf den Transport zwischen den Minen gewähleisten haben dieses Problem nicht. Sie brettern mit hundert Km/h über die Piste, hinter sich eine undurchdringliche Wolke aus Staub und kleinen Steinchen. Man fährt am Besten an den Rand, hält an oder fährt ganz langsam um nicht von der Straße abzukommen oder eine solche Begegnung mit einer geborstenen Windschutzscheibe zu bezahlen.

Endlich bin ich am Ziel. Der Manicougan Stausee mit einem Durchmesser von etwa siebzig Kilometern ist das Produkt eines vor 214 Millionnen Jahren zurückliegenden Meteoriteneinschlages, der allerdings lange unbekannt war. Denn bis zum Bau und dem Befüllen des Stausees war hier kein See vorhanden und aus der morphologischen Struktur der Umgebung war dies damals noch nicht zu erkennen. Erst als man Mitte der sechziger Jahre den Stausee befüllte, zeigte sich, dass dieser eine kreisrunde Form annahm in dessen Mitte ein Berg aufragte. Die Insel die sich so zeigte, hat eine größere Fläche als der See und gilt als die zweitgrößte Insel in einem Binnensee auf der ganzen Welt. Erst jetzt entdeckte man, dass diese Struktur zu einem Meteotiteneinschlag mit dem Krater und dem zugehörigen Zentralberg gehörte. Mineralogische und geologische Untersuchungen stützen später dieses Ergebnis.

Immer wieder versuche ich einen Blick auf den See zu erhaschen, aber das ist wegen der dichten Wälder kaum möglich. Ich gelange an den vorbestimmten Übernachtungsplatz. Von der Piste geht es über eine holprige Stichstraße hinunter zum See und dann wurde die Straße sehr steil. Unten angekommen entschließe ich mich, nicht hier zu bleiben. Es soll in der Nacht regnen und dann wird eine solche Zufahrt schnell zur Falle. Wasser und Schlamm können möglicherweise meinen Reifen Probleme machen und ich komme nicht mehr den Hang hinauf. Also nehme ich die zweihunder Kilometer in Kauf, weitere einhundertfünfzig Kilometer Schotterpiste. Zur Schonung des FidiBus vermindere ich den Reifendruck um etwa fünfzehn Prozent. dann sind die Schläge, die ohnehin geringer sind als befürchtet, nicht so hart.

Mein zuerst gewählter Schlafplatz erweist sich als untauglich. Die Blackflies fressen mich auf. um ihren Biss herum bilden sich große blutende Flecken, die obendrein mehr jucken als zehn Moskitoistiche. Auf dem Parkplatz des Kraftwerkes ist es etwas besser. Eine halbe Stunde bin ich damit beschäftigt, die gefühlt zwei Millionen Blackies, eine nach der anderen vom Leben zum Tode zu befördern.

Die Führung beginn am nächsten Morgen um neun Uhr. Nur französisch, also in der Kiste früherer Schulleistungen zurückgreifen inklusive mehrerer erfolglosen Lernversuche in der Volkshochschule.

Ein Zufall? Die Zahl zweihundertvierzehn begnet mir nun zum dritten Mal. Zweihundertvierzehn Kilometer waren es von meinem verlassenen Camp, zweihzundertvierzehn Jahre zurück fand der meteoriteneinschlag statt und zweihundertvierzehn Meter hoch ist die Staumauer dieses gewaltigen Staudamm vo Manic Cinque. Eine junge Studentin erklärt uns die Anlage. Am meisten beeindruckten mich zwei weithin sichtbare Türme, die weit über Staumauer hinaus ragten. Sie dienen der Druckentlastung, wenn die Wassertore vor den Turbinen geschlossen werden. Der enorme Druck würde die Tore sprängen, gäbe es nicht diese Türme, in die das Wasser aufsteigen kann und somit der Druck gemindert wird. Der Besuch hat sich gelohnt, zumal er auch noch kostenlos war.

Von nun an ist die Straße durchgehend asphaltiert. Eine neue Straße wird bereits in den Fels gesprengt, die eines Tages weniger Kurven und Gefällestrecken aufweisen soll als die heutige, Schwere Lkws mit Minenfahrzeugen als Ladung arbeiten sich heute eine Steigung von bis zu neunzehn Prozent und vielen Kurven hinauf. Das erfordert wirklich kräftige Trucks und Fahrer mit Nerven.

Um drei bin ich in Baie Comeau. Der Labrador Highway liegt hinter mir. ein großes Erlebnis. Für manch einen eingefleischten Offroader ist mit der fast vollständigen Asphaltierung der Strecke allerdings eine Enttäuschung verbunden. Ihre mächtigen Fahrzeuge können hier ihre Geländetauglichkeit auf schwerer Piste nicht mehr zur Geltung bringen. Ich jedenfalls hab das zumeist entspannte Crouisen geliebt. FidiBus dankte es mir mit einem Durchnittsverbrauch von sechskommaneun (6,9) Litern pro 100 Kilometer. EinTrost bei dem hohen Spritpreis. Es regnet und ich gönne mir nach der Fahrt in einer Bar einen Ceasar und fahre kurz nach sechs mein nächstes Camp, in einem Regionalpark gelegen an. Sehr schön, sehr ruhig sagt iOverlander, aber leider ist die Schranke seit einer halben Stunde geschlossen. Doch ich habe einen Campingplatz ganz in der Nähe direkt am Fluss gesehen. Dort möchte ich zwei Tage ausruhen, meinen FidiBus warten und ansonsten Ruhe haben. In der Nacht wache ich auf, das Plätschen des nahen Flusses hat etwas meditatives an sich. Aber! Ach du Schei…, doch nicht unter meinem Bus. Ich schaute aus dem Fenster und FiduBus war zu einer Insel inmitten eines gefluteten Ufers. Aus den Mäuselöchern drückte noch immer Wasser nach oben und bis zu Schweller war FidiBus vom Wasser umgeben. Bei strömendem Regen inspizierte ich die Situation und entschloss mich, höheres Terrain zu erreichen. Später kamen ein paar Männer mit uniformähnlicher Kleidung. Sie erklärten, dass man die Tore des wenige Kilometer entfernten Wasserkraftwerke wegen des starken Regens geöffnet hatte, hat aber versäumt die Anlieger des Flusses zu informieren. Innerhalb einer halben Stunde war alles vorüber, aber es würde sich in der heutigen Nacht wiederholen. Die Besitzerin des Platzes gab mir daraufhin mein Geld zurück und empfahl mir, mir einen anderen Platz zu suchen.

Entlang der wunderbaren Küste des St. Lorenzstromes, der Côte du Nord fahre ich weiter, nun Richtung Südwesten, dann nach Nordwesten in den einhundertneunzig Kilometer ins Land eingeschnittenen Sagueney-Fjord hinein, nach Nordosten. In Sagueney endete dann der letzte Kontakt zum Sankt Lorenz-Strom und damit zu Atlantik.

Ein Unwetter zieht herauf und ich bin froh am Abend am Lac St.Jean einen Platz zu finden, an dem ich nun endlich die zwei Ruhetage genießen kann. Es ist gut, sicher im FidiBus zu sitzen, der Sturm pfeift und schreit über den See, der Regen trommelt aufs Dach und ich gönne mir im Warmen einen Whiskey.

Highway #510

Seit einigen Tagen hab ich Labrador verlassen und wir reisen durch den nächsten Bundesstaat, durch Québec. Doch bis hierher war es ein langer Weg.

Gegen sieben Uhr am Morgen weckt mich der Gesang des Vogels, der in meinen Ohren für das ganze große Land Kanada steht. Bewusst habe ich ihn noch nie gesehen, doch sein Rufen ist überall zu hören. Musikalisch würde man das wohl als zwei oder drei aufeinanderfolgende Terzen bezeichnen, am Schluss steht dann oft ein Triller auf dem ersten Ton der ersten Terz.

hite legged blackbird

Ich stehe also auf, setze meinen Kocher in Gang und bereite mir meinen ersten Kaffee. In der Nacht regnete es ein wenig und ich bin froh den Elektoanschluss wasserfest eingepackt zu haben. Um neun möchte ich mich von meinem Gastgeber verabschieden und meinen Müll entsorgen. Auf mein Klopfen hin öffnet sich die Tür und ein sichtlich verschlafener Robert steht in Unterhosen vor mir und wirkt noch recht verschlafen, der Abschied fiel somit einmal kurz aus. Die Fahrt auf dem Trans Labrador Highway (TLH) verlief einmal mehr über weite Strecken durch die borealen Wälder aus Schwarzfichten, Weißfichten, dazwischen immer wieder Birken und Seen, die untereinander durch Bäche und Flüsse verbunden sind, deren braunes Moorwasser sich sicher gut in einem Whiskey machen würde. Ich muss mir bei Gelegenheit unbedingt eine Flasche kaufen. Am Abend komme ich in Goose Bay an. Genau genommen handelt es sich um zwei Siedlungen. Goose Bay, zu der auch der Luftwaffenstützpunkt gehört und Happy Valley, die den älteren Teil der Stadt bildete. An der Straße stehen ein junger Mann und eine Frau, die Setzlinge für Salat, Spinat und für anderes Gemüse verkaufen. ich frage sie nach einer Möglichkeit zu übernachten und sie verweisen mich auf einen Platz am Ufer des Churchill River. Abgelegen vom Treiben der Stadt, sei es dort ruhig und sehr schön. Wir kommen ins Gespäch. Ich interessiere mich für ihre Pflanzen und erfahre, dass seine Frau und er, ein Projekt ins Leben gerufen haben, dass den Menschen der Stadt die Möglichkeit biete, sich unabhängig zu machen von dem teuren und doch dringend benötigtem Gemüse, dass oft den weiten Weg aus Blanc Sablon oder gar aus dem Staat Québec genommen hat. Sie haben eine Gärtnerei eröffnet und versorgen nun die Menschen mit den Setzlingen, wollen dann aber selbst eine Gemüsefarm aufziehen. Ich sehe die Begeisterung in ihren Augen und die Hoffnung, die in diesem Projekt steckt. Tatsächlich kommen während unseres Gesspräches die Menschen und kaufen Salat, Tomaten, Kohl und Möhren, entweder als Setzling oder als Samen. Immer wird die Gelegenheit genutzt zu erzählen und die beiden Landwirte in Spé geben ihren Kunden Anweisungen, wie die Gemüse erfolgreich im Garten angebaut werden können. Von der jungen Frau werde ich auf eine Besonderheit von Goose Bay hingewiesen. Nein nicht, dass hier die Luftwaffe ihr Kältetraining absolviert und auch die Lufthansa trainiert an diesem Ort, da die Landebahn eine Länge hat, die es auch den größten Maschinen erlaubt, hier zu starten und zu landen, sondern dass im Hafen der Tank noch mit Diesel aus dem letzten Jahr gefüllt ist. Aus diesem Vorrat beziehen die Tankstellen ihren Dieselkraftstoff, weshalb er hier noch zu einem Preis von einem Dollar fünfunddreißig Cent zu bekommen ist. Dankbar nehme ich die Information auf und tanke noch einmal alle Tanks voll. Die Nacht ist so ruhig wie versprochen. Geweckt werde ich durch ein Kratzen auf dem Dach meines FidiBus. Vögel, denke ich, doch dann hüpfte etwas vom Dach auf den Picknicktisch, dessen buschiger Schwanz nicht zu einem Vogel passen wollte. Ein Eichhörnchen. Es ließ sich bei seiner Futtersuche nicht im geringsten durch mein Versuche beeindrucken, es in einer fotogenen Haltung in meiner Kamera einzufangen. Die ersten Menschen kommen zum Joggen oder um die Hunde auszuführen. Die üblichen Gespräche und immer wieder beim Abschied „have a safe trip“.

Während ich hier heute, am 18.6., am Internet sitze kommt die Meldung herein, dass nach aufleuchten einer Warnanzeige ein Flieger der Lufthansa heute Nacht eine Sicherheitslandung in Goose Bay machte. – Doch weiter im Geschehen.

Vor meiner Weiterfahrt fahre ich noch einmmal auf den Parkplatz eines Tim Hortons, ein Fast Food Laden, wie es ihn hier in jeder Stadt gibt, und nutze das WiFi um einmal mein Konto zu überprüfen, gehe dann auf die Suche nach einem Aufkleber von Labrador für meinen FidiBus und erfahre beim Anblick selbstgemachter erscheinender Marmeladen von der Verkäuferin, dass dies keine Produkte Labradors sind. Hier in Labrador macht sich niemand die Mühe die Beeren und Früchte zu sammeln um sie für den Verkauf zu verarbeiten. Man habe hier nichts, was wirklich als Produkt Labradors verkaufen könne außer Fisch und Hummer. Um eins habe ich alles erledigt und los geht’s mit dem neuen Ziel, Labrador City und den Churchill Falls. Wieder nichts als Tundra, weite Wälder in denen die Schwarzfichten mit ihren dürren schwarzen und hoch aufragenden Stämmen erst ganz oben einen grünen Puschel haben. Aber nicht alles was schwarz ist, ist auch eine Schwarzfichte. Es gibt große Flächen aus denen nur noch schwarz verkohlte Stämme in den blauen Himmel stechen. Waldbrände haben in der Höhe alles Grün verbrannt. Am Boden aber bildet sich bereits ein dichter Teppich aus Gestrüpp, neuen, jungen Fichten und anderen Bäumen. Sie brauchen das Feuer, damit ihre Samenkapseln gesprengt werden, die ansonsten viele Jahre im Boden verschlossen liegen ohne sich zu öffnen. Es ist immer wieder faszinierend zu erkennen, dass das, was als eine Katastrophe erscheint, die Grundlage neuen Lebens ist. Ein Kreislauf, perfekt abgestimmt auf speziell diese Art des Sterbens um neues Leben zu ermöglichen.

So gegen fünf Uhr erreiche ich das riesige Kraftwerk von Churchill Falls und nutze gleich die Gelegenheit um an der Pforte zu erfragen, ob ein Besuch möglich wäre. Man verweist mich an das Büro von Norcom, dem Betreiber des Kraftwerkes in Churchill Falls, und auch hier gehe ich nicht, ohne dass man mir gute Wünsche und den Tipp für einen schönen Übernachtungsplatz am Ufer des Churchill Rivers mit auf den Weg gibt. Der Platz ist wirklich schön. Eine viertel Stunde vom Highway entfernt, im Wald am Auslauf der Turbinen gelegen bietet er Ruhe, doch nun kommen so langsam, durch die Wärme zum Leben erweckt, die Moskitos und Blackflies ins Spiel.

Ich bin nicht allein, zwei Wohnmobile aus Québec haben diesen Platz ebenfalls entdeckt, denn er ist bei iOverlander gelistet. Wir reden, ich hole zwei Bier aus meinem Kühlschrank und der eine ältere Herr (mein Alter) berichtet mir aus seinem Leben als Inspekteur der Elektroinfrastruktur bei der Bahn. Ich erfahre Neues, nämlich, dass man deshalb oft zwei bis vier Leitungen an einem Strang in geringem Abstand als Oberleitung verwendet, um den Strom zwischen den Kabeln durch die so entstehenden elektrischen Felder verlustfreier über lange Strecken zu transporieren. Für diese Info darf er sich daran probieren, meine Drohne zu fliegen und Fotos aus der Luft von sich, seinen Freunden und den Fahrzeugen zu machen. Er ist erstaunt, wie schnell man das Fliegen mit einem solchen Gerät erlernen kann.

Ein Einheimischer kommt mit einem Jetboot. Er hat es nach einer Reparatur getestet, denn am Wochenende möchte er mit Freunden sechzig Kilometer flussaufwärts fahren, zu seiner Hütte und dort fischen. Der Fisch hier sei nicht zu empfehlen. zu viel Quecksilber ist im Fleisch. Darauf weist auch ein Schild hin, das ich später an einem anderen Flussabschnitt entdecke. Ob das mit dem Kraftwerk im Zusammenhang stünde frage ich ihn. Ja, irgendwie schon, aber so genau kann oder möchte er auf dieses Thema nicht eingehen. Auch er ist Inspekteur, aber er ist zuständig für die Dämme, die den Stausee in seinem Bett halten. mehr als sechshundert Kilometer werden täglich kontrolliert. Dies geschieht mit dem Hubschrauber aus der Luft und teils durch Ablaufen bestimmter Abschnitte. Es sind keine zusammenhängenden Deiche, sondern sie sind über ein Gebiet verteil, so groß wie die Ostsee. Ich bin versucht, ihn zu fragen, ob es möglich sei, ihn auf einem Kontrollflug zu begleiten, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder. Das war vielleicht ein Fehler.

Am nächsten Tag fahre ich in die Stadt nach Churchill Falls. Eine Stadt aus der Retorte. Sie entstand in den sechziger Jahren, als der Kraftwerksbau begann. Ein Haus wie das andere, Es gibt wohl nur zwei Haustypen, nur ganz außerhalb, am Stadtrand auf einem kleinen Hügel stehen zwei drei individuell gebaute Häuser, die hervorstechen. Alle 8000 Einwohner sind irgendwie im Dienste des Kraftwerks. Es gibt eine Schule, ein Hotel, ein Schwimmbad, Sporthalle, Kino Bar und Supermarkt, alles in einem großen, schmucklosen Gebäude untergebracht. Bis auf die Schule und das Hotel hat es kaum Fenster, alles ist nur zweckmäßig und es macht auf mich einen bedrückenden und unwirklichen Eindruck. Wie eine Siedlung auf einem fremden Planeten. Im Büro der City Hall erklärt man mir, dass es zur Zeit absolut unmöglich sei, das Kraftwerk zu besuchen. Noch immer verbieten die strengen Coronaregeln des Konzerns den Zutritt zu den Anlagen. Außerdem habe man kein Personal mehr um die Führungen durchzuführen, ohne Führung kein Zutritt und Führer stehen erst wieder ab dem sechzehnten Juli zur Verfügung. Schade, aber nicht zu ändern. Auch hier der Hinweis auf billigen Diesel aus Vorjahresbeständen, auch hier wieder tanke ich randvoll bevor ich mich entschließe nach Labrador City weiterzureisen. Unterwegs gibt es die Gelegenheit zu den Wasserfällen zu gelangen, die übrigens nicht die Churchill Falls sind, sondern die Hamilton Falls. Durch das Aufstauen des Wassers des Churchill River sind diese jedoch eines großen Teils ihrer Wassermassen beraubt worden und schaut man in das Bett dieses ehemalig en gewaltigen Flusses, dann bekommt man schnell einen Eindruck davon, welche Kräfte hier den Fels geformt haben mögen. Da die letzten Tage mir wenig Bewegung verschaftt hatten, dehne ich meine Wandertour über die beschriebene Tour zu den Wasserfällen hinaus aus und kehre nach zweieinhalb Stunden zum Bus zurück, während derer ich laut singend alles herunterträllerte, was mir so einfiel. Ich musste mich leider oft wiederholen, mein Repertoir erweist sich für lange Spaziergänge in den bärigen Wäldern Kanadas als deutlich ungenügend. Den Bären war’s egal. Hin- und weggerissen von den wundersamen Klängen meiner Stimmbänder lauschten sie gebannt und aus einiger Entfernung diesem Naturereignis.

Willkommen in Labrador

Samstag 11. Juni 2022

Willkommen in Labrador

pünktlich um viertel nach sechs wache ich auf. Es ist schon lange hell und ich mache Fidibus sogleich reisefertig für die Fähre. Da es hier auch eine sehr saubere öffentliche Toilette gibt, hier nennt man es verschämt „Washroom“, mache ich mich auf den kurzen Weg, schaffe es aber trotz allem nicht. Nein, nicht dass mir ein Maleur passiert wäre, eher das Gegenteil Neben mir parkt ein Riesentruck mit einem Riesenbagger auf seinem Riesentieflader. „Hi come over“ ruft mir der Fahrer zu und ich gehorche. Ich solle zu ihm steigen, dann könnten wir noch ein wenig quatschen, bevor es auf die Fähre geht. Er erklärt mir, dass er den Bagger gerade für seine Firma gekauf habe und ihn nun nach Labrador brächte. Sichtlich stolz erklärte er mir dass er den Bagger für einen Schnäppchenpreis erworben habe. Für zweihunderttausend Dollar, von geforderten dreihunderttausend hätte er hätte er den Zuschlag bekommen. Warscheinlich beeindruckte es ihn, dass ich ihn gestern für die Geschicklichkeit gelobt hatte, mit der er den Bagger auf den Tieflader verladen hatte. „Du kannst mit der Schaufel ein Ei pellen, Mann das beeindruckt mich wirklich“

rief ich ihm gestern zu. Heute erklärt er mir dafür jedes Detail seines, auf Hochglanz polierten Trucks und, was besonders interessant für mich ist, klärt er mich über den Zustand des Trans Labrador Highways auf. Im letzten Jahr hätte sie die gesamte Strecke bis auf sechsunddreißig Kilometer asphaltiert und an denen arbeite man zur Zeit. Also keine Reifenkillerpiste, wie sie von de letzten Reisenden bis 2020 noch beschrieben wurden. Das stimmt mich froh.

Die Verladung auf die Fähre erfolgt problemlos und das Ticket erwerbe ich für sechzehn Doller, einfache Überfahrt mit Camper und Senior, da werde ich mich nicht beklagen. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen von Blanc Sablon entdecke ich endlich, wofür ich viele hundert Kilometer zuvor gefahren war. Einen richtigen Eisberg! Langsam aber sicher trieb er durch die Meerenge von Belle Isle, den Eingang zum Sankt Lorenzstrom. Um halb zehn sind wir in Blanc Sablon, Quibec.

Eisberg vor Blanc Sablon

Hier trifft mich der Schlag an der Tankstelle. Die wissen schon, weshalb sie Preise nicht mehr sichtbar anzeigen. Zwei Doller und sechundachzig Cent pro Liter wollen die haben. Ich tanke mal nur zwanzig Liter und hoffe auf bessere Zeiten. Die Fahrt Richtung Norden bringt mich zunächst zu dem Leuchtturm von L’Anse au Loup. Schnell komme ich mit der Dame, die hier die Führungen macht ins Gespräch, bekomme eine Soloführung für mich allein und darf noch vor den anderen Touristen die Spitze des Turmes über Treppen und Leitern erklimmen. Ich steige hinauf und spüre schier, wie der Sturm den Boden der Lampenplattform zu vibrieren bringt. Am beeindruckensten ist aber das Tosen des Sturmes um die Spitze des Leuchturms herum und unten tost das Meer.

Leuchtturm von Anse au Loup
Im Lampenhaus

Weit draussen driftet ein weiterer Eisberg, nun bereits der zweite für heute, nach Süden. Zahlreiche Schiffe strandeten hier, unter anderem auch der Stolz der amerikanischen Marine, der Kreuzer Raleigh. Lange lag das Wrack hier am Strand, bis es von der Royal Army Kanadas zerstört wurde. Nun liegen nur noch seine verbogenen verrosteten und vom Salzwasser zerfressenen Wrackteile auf den Klippen und am Strand verstreut herum.

Die war einmal der Stolz der amerikanischen Marine, der Kreizer Raleigh

Um halb drei fahre ich weiter und mir wird klar, mein Ziel Fort Hope Goosebay werde ich heute nicht mehr erreichen. Über eine gespenstische, immer wieder in den Nebel eintauchende und verschneite Hochebene fahre ich noch Nordosten, später nach Norden und Nordwesten. Es ist gespenstich Bäume, nicht größer als Kniehoch wachsen auf der sonst kahlen Hochebene. Nur Moose und Flechten und so weit das Auge reicht, keine Anzeichen einer bewohnten Gegend. Alles ist karg leer unwirtlich. Ein Polarfuchs kreuzt vor mir den Highway, ich bekomme ihn dann aber nicht mehr zu sehen. So gegen sechs hat es die Sonne irgendwie hingebracht sich mit Hilfe des Sturmes durch den Nebel zu kämpfen und mit einem Schlag wird die Landschaft, vom Sonnenlicht durchflutet schon viel freundlicher. Im Hafen von Marie’s Habour sehe ich dann den dritten Eisberg für heut doch der ist klein und im Hafen wirkt so ein Eisberg irgendwie verloren, wie ein Tiger im Käfig eines Zoos. In Port Hope Simpson entschließe ich mich dazu den Fidibus vollzutanken, denn auf der vor mir liegenden Strecke sind Tankstellen eher rar. Der Preis von zwei Dollar neunzig Cent schreckt mich schon kaum noch. Ich frage nach einer Möglichkeit wo FidiBus und ich die Nacht verbringen können und erfahre von einem Campsite in der Nähe. Fünfunddreißig Dollar Rundumservice. Ein älterer Mann bekommt unser Gespäch mit und bietet mir sofort an, auf seinem Grundstück zu übernachten. Ich willige ein, denn daraus kann sich eine weitere neue Erfahrung ergeben. So folge ich seinem Quad bis auf seinen Hof, wo ich zwischen alten Autos, einem Boot, zwei Schneescootern und anderem Gerümpel einen ebenen Platz finde. Er lädt mich in seine Werkstatt ein, wo inmitten von Werkzeug und alten Radios, Funkgeräten und vielem mehr zwei durchgesessene Sessel standen.

Er arbeite im Straßenbau just an dem Teil des Highways, der noch fertigzustellen sei. Ich gehe an meinen Biervorrat und wir teilen uns je zwei Bier und noch ein Leichtbier aus seinem Vorrat. Wir sprechen über seine Arbeit, die unbezahlbaren Spritpreise und die Sorgen die man hier hat, weil man nicht weiß, wie man seine Arbeit erreichen kann; zwei bis dreihundert Kilometer An- und Abfahrt sind beinahe normal und es gibt keinerlei staatliche Unterstützung. Sie wissen auch nicht, wie sie bei den Spritpreisen mit den schweren Maschinen ihr Feuerholz aus dem Wald nachhause bringen sollen. Das Leben ist schwer geworden, selbst hier draußen und man wünscht Putin die Pest an den Hals. Über die Fotos, die ich von ihm machen darf freut er sich und schenkt mir dafür eine CD. Der Sänger sei aus Goose Bay und ein Freund. Nach und nach treffen seine Freunde in der Werkstatt ein und ich denke mir, es ist Zeit zu gehen. Gastfreundschaft soll man auch hier nicht überstrapazieren. Ich steige in meinen Fidibus, schließe ihn erstmals über meinen neuen Trafo an das Stromnetz Kanadas an und siehe, alles funktioniertwunderbar. Der Regen hat wieder eingesetzt, aber es ist warm geworden. Südwind bringt Regen erklärt mir… Nordwestwind auch. Weht der Wind aus Nordost bedeutet es ebenfalls Regen und viel Nebel. Na also, dann bleibt ja nicht mehr viel Platz für gutes Wetter. Aber das ist eben Labrador, nix für Weicheier und Wasserscheue.

Eisberge und Meer

Aktualisiert am 10. Juni 2022

Eisberge

Heute also gehe ich Eisberge „spotten“. Um sieben Uhr bin ich wach, die Heizung spring programmgemäß an und so hab ich es wenigstens warm. Draußen sind es zwei Grad, da schätzt man die Wärme einer guten Standheizung. Bereits eine halbe Stunde später ist die Sonne kräftig genug, dass ich die Heizung ausmachen kann. Tisch und Stuhl sind rasch aufgebaut und ich bereite mir ein Spiegelei und Müsli für das Frühstück im Freien vor. Der heiße Kaffee weckt meine Lebensgeister und so bin ich um neun Uhr startklar. Auf zu den Eisbergen. Vor meinem gestrigen Pub halte ich noich einmal an um noch einmal Zugang zum kostenlosen WiFi zu erhalten. Ich brauche nicht einmal hineinzugehen, auf dem Parkplatz ist es noch stark genug um meine Galerie zu pflegen. Um dem leidigen Problem mit schwachem Internet aus dem Weg zu gehen, habe ich mir zwischenzeitlich Software heruntergeladen, mit der ich meine Bilder auf Kosten der Qualität so weit verkleinern kann, dass ich sie auch bei suboptimalen Bedingungen in meinen Blog hochladen kann. Um halb zehn starte ich meine Eisbergjagd. Nicht weit von Twillingate hat man einen großen Eisberg gesichtet. Doch an dieser Stelle ist weit und breit keine dieser weißen und blauen Majestäten zu sehen. Ich trete ein wenig frustriert den Rückzug an – doch da! Ganz am Horizont, das könnte gut ein Eisberg sein. Ich setzte zurück um in einen Weg zur besseren Sichtung einzubiegen und… Schraaaaach! Ich saß mit dem Hinterfuß meines FidiBus im Graben. Schei… Aus eigener Kraft kann ich mich nicht mehr befreien. So tiegere ich also los, klopfe an viele Haustüren des kleinen Fischerdorfes, doch um diese Zeit ist niemand mehr zuhause. Doch das Glück ist mir hold, an einem Haus ist ein älterer Herr damit beschäftigt, seine Büsche in Form zu schneiden, vor der Haustür steht ein Truck und damit die wesentliche Voraussetzung, meinen FidiBus zu bergen. Wie nicht anders zu erwarten, bekomme ich die ersehnte Hilfe und wir starten wieder in einen sonnigen Tag.

Und jetzt sehe ich ihn, hinter einer Brücke treibt er majestätisch dahin, ein Eisberg!

Genau genommen ist es kein wirklicher Eisberg sondern ein Zwergberg oder einer im embryonalen Stadium. Besser als nix und aus der richtigen Perspektive fotografiert kann ich ihn zum einem adoleszenten Eisberg wachsen lassen. So ganz erfolglos bin ich also heute nicht.

Dann breche ich auf, dreihundertzwanzig Kilometer auf Highway Nummer Eins in Richtung Deer Lake. Hier stehe ich nun, die Moskitos beobachten mein Treiben, wagen sich jedoch nicht heran und während sich andere Übernachtungsgäste auf diesem nicht ganz so romantischen Wanderparkplatz wild fuchtelnd der Plagegeister zu erwehren versuchen, sitze ich unbehelligt vor dem FidibBus, genieße mein Feierabendbier und danke den Genen meiner Eltern, die mir den Insektenschutz ganz offensichtlich in mein Blut spülen. Liebe Eltern, was habt ihr früher getrunken? Ich weiß, zu eurer Zeit gab’s viel russischen ,selbst gebrannten Vodka. Na denn!

Es ist der neunte Juni. Hohe Cirruswolken verdecken heute Morgen die Sonne, doch es ist an diesem fruhen Morgen schon recht warm. Nach einem ausgiebigen Frühstück fahre ich zunächst zu der Big Stop Tankstelle bei der Stadt Deer Lake. Hier kann ich nicht nur tanken sondern auch duschen. Bisher hat sich mein FidiBus als sehr sparsam erwiesen. Weniger als sieben Liter genügen ihm, was sicher auch daran liegt, dass ich hier den Tempomat auf siebzig Stundenkilometer einstelle und würde ich das Lenkrad noch festzurren, so könnte ich für hunderte von Kilometern während der Fahrt nach hinten gehen und mir einen Kaffee bereiten. Gegen elf Uhr breche ich nach Westen auf und überquere die Long Range Mountains, die sich über ganz Newfoundland Island in Nord-Südrichtung entlang ziehen. Wieder hat sich die Sonne durch die Wolken die Oberhand gewonnen. Immer wieder halte ich an um die fantastischen Ausblicke auf die schneebedeckten Berge und die tief ins Land hineinreichenden Fjorde zu bestaunen. Nach etwa zwei Stunden bin ich wieder am Nordatlantik oder genau genommen am Sankt Lorenz Strom. Der Highway vierhundertdreißig zieht sein graues Band direkt entlang der Küste. Links und rechts der Straße stehen silbrig grau die vom Wind geknickten Föhren. Mein Ziel ist der Leuchtturm nahe Brig Bay. Etwa zwanzig Kilometer führen vom Highway über eine mit Pitholes übersähte Straße hinaus auf eine Landzunge in der Margaret Bay. Die letzten drei Kilometer schleiche ich mich über eine raue und mit noch mehr Schlaglöchern übersäte Schotterpiste zum Leuchtturm.


Der Platz ist ein Traum. Ganz an der Spitze der Landzunge steht der Leuchtturm und sendet sein Blinklicht hinaus in die Nacht. Wohin ich Blicke, ist Meer, am Horizont die schneebedeckten Berge der Long Range Mountains. Alles ist still, der Mond steht am Himmel, und nur der Wind pfeift in den Telefonmasten. Vom Meer herauf rauscht die Brandung des Meeres. Für die Nacht ist Regen gemeldet. Mit Silikon dichte ich deshalb meine Zargeskisten auf dem Dach noch einmal ab. Beim erneuten Verzurren der Kisten fällt mir die Brille von der Nase. Ich finde sie unter meinem FidiBus, doch es fehlt das linke Glas. Nur nicht herumtreten. Ich taste den steinigen Untergrund ab und finde das Glas unverletzt. Vorsichtige füge ich es in seinen Rahmen ein und habe mir nun mein Feierabendbier redlich verdient.

Morgen fahre ich nach St. Anthony. Acht Eisberge zögen dort nahe der Küste nach Süden. Weiter Eisberge befinden sich auf dem Weg von Grönland auf Neufundlands Ostküste zu. Vielleicht habe ich dieses Mal mehr Glück.

Obwohl, viel mehr Glück geht gar nicht mehr, vier Tage hintereinander Sonnenschein in Neufundland grenzen allein schon an ein Wunder.

Samstag 10.Juni 2022

Um sieben Uhr bin ich heute bereits wach. Es regnet und über dem Festland bilden Wolken Regen und ein Stück blauen Himmels ein dramatisches Bild.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg nach St. Anthony. Der Regen wird heftiger und je näher ich der Stadt komme, desto unwahrscheinlicher wird es, dass ich heute Eisberge sehe. Graue Nebelschwaden werden vom Wind über verdorrte, silbriggraue Föhren getrieben. Schnee liegt noch in Fetzen bis auf Meereshöhe, die Sicht wird immer schlechter. Und dann, am Straßenrand tauchen zwei Karibus auf und kurz darauf ein recht kleiner Elch. Na also: Es gibt sie also doch. Den Gedanken an Eisberge gebe ich auf, nutze aber die Gelegenheit mich noch einmal für die nächsten zwei Wochen mit Lebensmitteln und einer Flasche Whisky zu versorgen. Die Überfahrt nach Labrador ist für morgen acht Uhr geplant und dann beginnt das Abenteuer. Beinahe 2000Km geht es dann weiter von Blanc Sablon, dem nordwestlichsten Zipfel Quebecs auf dem Trans Labrador Highway bis nach Baie Cameau das wieder im Staat Quibec am St. Lorenzstrom gelegen ist. Dazwischen nichts als Labrador.

Neufundland und Labrador

aktualisiert am 7. Juni 2022

Nach der anstrengenden Nacht auf der Fähre habe ich nur einen Wunsch: Schnellstmöglich möchte ich schlafen. Aber wie es eben so ist, der Tag ist sonnig, letzte Nebel über den Bergen lösen sich auf und so fahre ich dann doch noch ein Stück. Auf den Bergen liegt noch Schnee und der Frühling steht hier erst in den Startlöchern.

Schnee liegt noch auf den Bergen

Ich mache einen Abstecher nach Cape St. George, in der Hoffnung dort einen schönen Platz zu finden. Fehlanzeige, ein Parkplatz mit einigen großen RVs, wie man hier die die großen Wohnmobile nennt. das ist nichts für mich. In meiner App iOverlander finde ich einen Hinweis auf einen Platz, der von den Eigentümern selbst eingestellt wurde. Übernachtung auf dem eigenen Grundstück, ein kaltes Bier, Dusche und Wäschewaschen inklusive für den Preis einer interessanten Unterhaltung. Okay, das ist es. So komme ich um halb sieben am Abend in Corner Brook an. Nahe des Highways wohnen Nolan und Ashlay, ein junges Paar, deren Gastfreundschaft wiedereinmal so unheimlich umwerfend ist, wie man es besonders den Neufundländern auf die Fahne schreibt. Das kalte Bier zur Begrüßung gibt es tatsächlich und sofort werde ich darauf hingewiesen, dass ich meine Wäsche natürlich hier waschen kann. Später treffen wir uns auf der Terasse am Feuer, trinken ein paar Bierchen und erzählen übers Reisen, über die Ukraine und Putin und über weniger belastende Themen. Wieder fühle ich mich wie Zuhause.

Mein Gott, drei Wochensind seit meiner Abreise vergangen und die Zeit verrinnt im Fluge.

Am Morgen breche ich früh auf. Die Eisberge, die im Nordosten Neufundlands vorbeiziehen möchte ich mir nicht entgehen lassen und so fahre wieder auf dem Higway No 1 nach Nordosten vierhundert Kilometer und dann bin ich fast am Ziel. Morgen werde ich die weißen Riesen sehen. Mein Gott, bin ich gespannt, ob ich sie wirklich zu Gesicht bekomme.

Übrigen Newfoundland spricht man hier als „Nufanlän“ aus, wobei nur die erste Silbe betont wird. Lange konnte ich mit dieser Ortsangabe nichts anfangen, wenn mir die Menschen mitteilen wollten, dass sie hier Verwandschaft haben

Übernachten werde ich am Leuchtturm hoch über Twillingsgate. Wieder ein Leuchtturm!

Gute Nacht

Ein unerwarteter Aufbruch

Nach einer langen Fahrt über den Maritime Drive mit immer neuen Blicken auf tief eingeschnittene Fjorde, Seen und Flüsse erreiche ich bei bestem Wetter mein heutiges Ziel. Zwar wollte ich heute wieder wild stehen, aber der Campingplatz hoch oben am Steilufer etwa 2 Stunden südwestlich von North Sydney war so idyllisch gelegen, dass ich kurzerhand umplante.

Blick von meinem Standplatz auf die Wale (auf diesem Bild und auch auf keinem anderen zusehen 😉

Von hier aus ließen sich die Wale direkt an der Küste unterhalb meines Platzes beobachten. Allein, es gab gerade keinen einzigen, der meine Nähe suchte. Aber so schnell gebe ich nicht auf, dann bleib ich halt einen weiteren Tag und nehme am Montag, dem sechsten Juni die Morgenfähre nach Neufundland. ich bummele also in den Tag und fühle mich einfach nur wohl. Am Nachmittag buche ich meine Überfahrt, doch alle Fähren waren in dieser Woche ausgebucht. Einzig die Nachtfähre heute Abend hatte noch Platz und so buchte ich für den gleichen Abend. Der Bus ist schnell reisefertig gepackt und um sechs Uhr am Abend mache ich mich auf die Reifen und mein Fidibus schnurrt zufrieden Richjtung North Sydney. Die Fährfahrt war langweilig. Es war dunkel, da war nichts zu sehen und mein Schlafsessel quälte mich durch die Nacht. Erst tat der Nacken weh, dann die Arme, später der Rücken und am Ende die Beine. Nie wieder buche ich einen Schlafsessel. Pünktlich um sechs Uhr am Morgen finde ich mich zum Frühstück im Bordrestaurant ein, drei Spiegeleier mit Speck, Pommes Frites und ein merkwürdiges Stück gebratenes Etwas lagen da auf meinem Teller. Ich beließ es bei den Spiegeleiern.

Um halb Acht liefen wir im Hafen von Port aux Basque ein. Ein neuer Abschnitt meines Abenteuers beginnt.

Going North

Aktualisiert am 2. Juni 2022 (Km 630)

Nach Lunenburg möchte ich zunächst weiterreisen zum Kejimkujik-Nationalpark um zwei Tage später auf Darrens Farm zurückzufahren.Über meine App iOverlander habe ich mir einen Übernachtungsplatz nahe des Nationalparks herausgesucht, der wohl nicht mehr existierte, oder ich habe ihn ganz einfach nicht gefunden. Gut so, wie sich herausstellt, denn ich finde einen viel schöneren Platz als den beschriebenen, direkt am Mercey River. Die Sonne geht unter und wirft ihr rotgoldenes Licht auf das noch zarte Grün der Bäume, das Wasser zieht träge dahin und die Peeper, kleine Frösche, werben um ihre Liebste.

Es ist ein einziger schwirrender Ton, der vom Ufer des Mercey herauf tönt. Als untrügliche Vorboten des Frühlings freut man sich in Kanada jedes Jahr von neuem auf den „Gesang“ der Peeper. Doch auch andere Waldbewohner, weit weniger beliebt, scharen sich um mich, in der Hoffnung auf ein willkommenes Abendessen. Die Blackflies und die Zecken! Während es die Blackflies auf die nicht von Kleidung bedeckten Teile abgesehen haben, versuchen die Zecken ihr Glück unter den Hosenbeinen. Acht Stück sammele ich am Abend von meinen Beinen noch bevor sie an den begehrten Saft meines Blutes gelangten. Meine Lehre daraus ist, dass ich von nun an bei Aufenthalten im Wald und auf Wiesen stets die Hosenbeine dicht um die Beine wickele und in die Strümpfe stopfe. Am Ende steht stets ein ausgiebiger Zeckencheck bei dem ich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auch immer fündig werde. Für den nächsten Tag ist der Nationalpark eingeplant. Da es wohl nicht der einzige Park ist, den ich besuchen werde, kaufe ich mir ein Jahresticket für alle Nationalparks in Kanada, das mich darüber hinaus dazu berechtigt, in allen Parks für bis zu drei Nächte kostenlos zu übernachten. Ich versuche mein Boot aufzubauen. Um hinaus auf den Fluss zu paddeln. Für den See ist es zu windig. Was sonst in etwa einer halben Stunde gelang wollte mir heute nach drei Stunden nicht gelingen. Irgendwie will das Gestänge sich durch die Spanten nicht an seinen vorgegebenen Platz bringen lassen. Völlig erschöpft von der stundenlangen gebeugten Haltung gebe ich auf. Packe den Sche…. zusammen und verstaue alles auf das Dach meines FidiBus. Ich beschließe, mir am nächsten Tag ein Boot zu leihen. Die Nacht verbringe ich auf einem wunderbaren Stellplatz direkt am See auf dem Campsite des Nationalparks. Mit unseren Campingplätzen sind diese nicht vergleichbar. Mitten im Wald gelegen, sind die einzelnen Parzellen voneinander so weit entfernt, dass man von dem Nachbarn nichts zu sehen bekommt, solange man nicht mit diesen riesigen Expeditionsfahrzeugen oder Wohnmobilen unterwegs ist. Die bekommen stets ihren Platz in speziell dafür ausgelegten Bereichen mit Strom, Wasser und Abwasser. „Full Hookup“. Da freue ich mich über meinen kleinen und anspruchslosen FidiBus. Endlich wieder eine Dusche, die mir die heutigen Zecken vom Körper wäscht. Die Frage ist hier nicht, ob du dir diese kleinen Quälgeister einfängst, sondern nur wie viele. Heute eine!

In der Nacht regnete es mal wieder und einige Tropfen fielen auch mir auf die Stirn. Die Heckklappe war wohl nicht sorgfältig geschlossen.

Der nächste Tag beginnt mit Sonnenschein. Ein blitzeblauer Himmel zieht mich aus meinem warmen Bett in den noch frischen Tag. Ich mache den Bus reisefertig, Bringe mein Makeup in Ordnung und verlasse den Platz nach dem Frühstück. Wie geplant miete ich mir ein Kanu und fahre hinaus auf den Fluss, in der Hoffnung die „Painted Turtle“, eine nur hier vorkommende und vom Aussterben bedrohte Schildkrötenart zu finden. Ich war jedoch erfolglos. Dafür beobachtete ich die rotgefederte Amsel (red featherd blackbird). Seine roten Flügelansätze leuchten weit in dem ansonsten blauen Himmel. Lange Zeit bringe ich damit zu, ihn zu beobachten. Ich habe noch Zeit bis zum Abend und mache eine kleine, zweistündige Wanderung durch den Wald der sterbenden mächtigen Hamlockbäume. Der Klimawandel mit seiner Trockenheit und seiner auch hier ungewöhnlichen Hitze macht diese mächtigen, fünfhundert Jahre alten Riesen empfänglich für den Befall durch den Borkenkäfer. – Sieh da, während ich schreibe hat sich eine Kaninchenfamilie um den FidiBus eingefunden um sich am kühlen Gras zu erfreuen -. Vor dem Verlassen des Nationalparkes rufe ich How an. Es kostet mich zu viel Zeit noch einmal zurückzufahren um Darren, seinen Musikerfreund auf seiner Farm zu besuchen. Von den dreihundert Kilometern, die ich pro Tag plante, schaffe ich zur Zeit gerade einmal achzig. Viel Zeit verstrich bei Gesprächen, Treffen und anderen Aktivitäten. Nun möchte ich weiter. Erst an die Westküste Nova Scotias und dann hinauf nach Neufundland. Mein erstes Nachtlager an der Westküste ist an dem kleinen Fischerhafen von Hampton. Erst sehe ich die Boote gar nicht, doch als ich zu Hafenbecken komme sehe ich sie etwa sechs Meter unter mir, Es ist Ebbe und sie stehen trocken auf dem Grunde des Hafens.

Ganz allein stehen FidiBus und ich wieder da. Direkt am Strand, bei Flut bin ich nur etwa drei Meter von den Wellen entfernt. Im Rücken habe ich den Leuchtturm von Hampton Warf. Reiseromatik pur!

Der nächste Morgen bricht erneut mit strahlender Sonne an. Heute möchte ich zur Scotts Bay mit seinen eindrucksvollen Felsen, dem Cape Splitt, dem westlichsten Zipfel am Eingang zur Masin Bay. Am Mittag kommen wir an. Fidibus und ich beschließen, hier auf dem abseits gelegenen Parkplatz des Nationalparks zu über Nacht zu bleiben. Zu den Klippen von Cape Splitt führt ein langer Weg. Im Gepäck meine Kamera und Videoausrüstung machen den Weg nicht nur lang, sondern auch beschwerlich. Doch es lohnt sich. Am Kap angekommen sehe ich das Schauspiel auf das ich hoffte. Es pfiff ein lärmender Wind um mich herum.

Dreizehenmöven verteidigen kreischend ihre Nistplätze auf dem Plateau und im Felsen und ein tobendes Rauschen drang vom Meer zu mir herauf tosend zog der Gezeitenstrom das Wasser durch die trotzig aus den Wellen herausragenden Klippen und selbst in der Bucht ist zu erkennen, mit welcher Macht das Wasser hinaus ins offene Meer gezogen wird. Dies ist der Ort mit dem größten Tidenhub der Welt. Sechzehn Meter liegen zwischen dem Hochwasser und dem Niedrigwasser, bei Springflut kann gar die zwanzig Metermarke überschritten werden. Hier erlebe ich ein Naturschauspiel ohnegleichen. Nach fünf Stunden Weg bin ich wieder beim FidiBus und werde begrüßt von einem Ehepaar aus Ontario. Lange Gespräche über das Reisen, viele Tipps, Fragen zu Deutschlands Haltung im Ukrainekrieg und Hochachtung vor der vorsichtigen Haltung unseres Kanzlers um ein Übergreifen auf Natoländer zu verhindern.

Hier in Kanada genießt Olaf Scholz eine andere Wertschätzung als in Europa. Man sieht Deutschland als einen Vorposten zu den Ländern der Nato und damit auch seine Verantwortung, eine Eskalation zu vermeiden.

Am Ende verabschieden wir uns und die Frau bringt mir noch ein Päckchen geräucherten Lachs und zwei Liter Wein aus ihrer Kühlbox. Für mein Abendessen. Der Wein, so sagten sie mir, sei ihr eigener. Sie gehörten zu einem der größten Weinproduzenten Kanadas erklärten sie mir so ganz nebenbei.

Die Nacht ist berauschend. Ganz allein stehen wir hier. Im Rücken das Meer und über mir breitet sich der Sternenhimmel aus, wie ich ihn nur in der Wüste gesehen habe. Millionen Sterne leuchten allein in meinem Blickfeld. Ein Blick durch das Fernglas zur Milchstraße lässt weitere Millionen kleiner leuchtender Punkte erkennen. Wir befinden uns mit unserer kleinen und einzigartigen Erde in diesem Wirbel, der durch das Weltall rast. Es ist ein Anblick der mir Demut abverlangt. Nirgendwo in diesem unendlichen Universum haben wir bisher auch nur annähernd ähnliches entdeckt. Die Erde, das Universum, es ist ein Wunder und wir sind Teil davon. Ich kann lange nicht einschlafen. Dieser Blick in den Himmel und auf die Erde beschäftigen meine Gedanken bis in die Dämmerung des Morgens hinein.

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